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BLOG vom 14.07.2007


Reissaus genommen – Der wunde Punkt im Leben
Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
 
Zum Blog umgedichtet, mag diese Kurzgeschichte aufdecken, wie grausam Kinder sein können, wenn ihnen die verlässliche Leitplanke der Eltern fehlt. Diese fehlt dem Nachwuchs heute mehr denn je in dieser verrohten Welt mit den zerschellten Werten. Das lässt sich tagtäglich in der Presse nachlesen. Gräuelprogramme warten den Halbwüchsigen im Fernsehen auf. Videos strotzen von entsetzlichen Gewalttaten und ersetzen, zersetzen die einst hehr gehaltenen Moralbegriffe. Wie man in England gegen die Terrorakte der Jugendlichen vorgehen sollte, wird wieder einmal heftig debattiert. An Ratschlägen, die Wirksamkeit versprechen, fehlt es nicht. Doch solche Stimmen werden in den politisch bestimmten Debatten weitgehend ignoriert. In meiner Schulklasse hatte es einen Schüler, dessen Geschichte ich aufgreife und die ich im Freilauf verfolge.
*
Ein Mensch hatte die Nase voll, schon seit langem, und wusste eigentlich nicht warum. Nach Arbeitsschluss wich er eines Tages scheinbar grundlos von seinem Heimweg ab und ging einfach gerade aus weiter. Heinrich Ändereck wusste nicht, wohin es ging, als er spontan einem Bus nachsprang und ihn bei der nächsten Haltestelle erwischte. In welcher Richtung dieser fuhr, war ihm schnuppe. Als er ausstieg, war er in einer fremden Gegend. Mehr noch: Er war sich selbst fremd geworden, so sehr, dass er seinen Namen nicht mehr wusste.
 
„Heinrich, was machst du hier?“ rempelte ihn jemand an. Obgleich er nicht mehr wusste, dass er Heinrich hiess, antwortete er schlagfertig: „Ich gehe zu einer Beerdigung.“
„Wer ist denn gestorben?“ forschte der Fragesteller weiter.
„Mein Leben“, bekam er zur Antwort.
Und das stimmte haargenau. Die Ohren sterben zuletzt. Der Haarwuchs zählt nicht.
Nüchtern sagte die Stimme das Arztes: „Der ist tot.“ Mehr hörte er nicht mehr.
 
Ein Unfalltoter mehr wurde in die Statistik aufgenommen, mit dem lakonischen Vermerk „Vom Bus überfahren“. Aber damit ist die Geschichte nicht zu Ende. Denn jede Geschichte hat ihren Anfang und ihren Fortgang bis zum Ende, früher oder später. Um diesen geht es hier mit dem Anfang begonnen, nachdem das Ende vorweggenommen wurde.
*
Heinrich hiess Ändereck, einfach weil seine Familie schon seit Generationen im gleichen Eckhaus lebte. Dort war er geboren worden. Dort ist er aufgewachsen, und dort hat er 43 Jahre lang gelebt. Erst vor 2 Jahren sind seine 2 Kinder dem Nest entflogen.
 
Heinrich hat ein recht belangloses Leben geführt und das Geschäft seines Vaters, eine Gärtnerei, weitergeführt. Sie sicherte ihm ein rechtes Auskommen. Ein belangloses Leben? Das konnten ihm nur Aussenstehende zuschreiben oder andichten. Wie jedermann stufte auch Heinrich sein Leben als belangvoll und bedeutungsvoll ein. Ein von ihm geschöpfter Rosenstock trug sogar seinen Namen: die Ändereck-Rose.
 
Heinrich ging gerne beim kleinen See in der Nähe fischen. Er hatte dort seine Ändereck-Ecke, die ihm niemand strittig machte. Diese Ecke war sein Versteck. In ihr fand er Zuflucht nach dem Reissaus aus seiner Umwelt. Er hatte den Hang, seiner Umgebung, selbst wenn sie gütig war, nicht zu trauen.
 
Als Kind hatte er wegen seiner schräg abstehenden Ohren viel gelitten. Schon in Kindergarten wurde er deswegen gefoppt und geneckt, und alle Schultage wieder, erst recht in der Primarschule. Niemand nahm ihn in Schutz. Selbst unter den Lehrern hatte es einen Grobian, der gern zum Gaudium der Klasse bissige Kommentare abgab und immer wieder ein neues Wort für Heinrichs Ohren zum besten gab, wie etwa Scheuklappen, Eselsohren. „Nehmt euch ein Beispiel an Heinrich“, sagte er einmal, „wer nicht hören will muss fühlen, was ja bei ihm augenfällig, nein ohrenfällig absteht.“ Das Gelächter klang lange in Heinrichs Ohren nach. Gegen diesen Unfug konnten selbst seine Eltern nichts ausrichten. Der Rektor meinte bloss, dass sei doch nicht so tragisch, und Heinrich müsse eben lernen, mit seinen Ohren auszukommen. „Das härtet ihn ab fürs Leben“, fügte er, das Gespräch beschliessend, hinzu, als er Heinrichs Eltern zur Türe begleitete. Das war kein Trost für Heinrich.
 
Eines Tages wurde er nach Schulschluss von einer kleinen Bande eingekesselt und an die Wand gedrückt. Sein schlimmster Quälgeist, Leuenberger hiess er, trieb die Meute mit Fistelstimme an: „Reiben wir ihm doch die Ohren, damit sie etwas Farbe kriegen.“ Weinend und mit glutroten Ohren rannte der erbarmenswerte Heinrich zu seinen Eltern.
 
So gehe es nicht weiter, entschied sich sein Vater. „Wir werden ihm operativ die Ohren flachlegen lassen.“ Und so geschah es. Lange trug Heinrich nach dem erfolgreichen Eingriff einen Kopfverband und erhielt deswegen Schuldispens.
 
Körperliche Wunden verheilen. Aber es gibt andere Wunden, die innerlich kaum bemerkt weiter schwären. Niemand in seiner Gemeinde wusste um Heinrichs Ohrengeschichte. Er hat sich auch niemals darüber geäussert, selbst in seiner Familie nicht. Im Schlaf überfielen ihn manchmal Gespenster mit entstellten Fratzen und rüttelten Heinrichs schlimme Erinnerungen auf, bis er schweissgebadet aus seinem Alptraum erwachte.
 
Hätte Heinrichs Leben einen anderen Verlauf genommen, wäre er nicht mit abstehenden Ohren auf die Welt gekommen ...? Seine Liebe für Blumen deutet an, dass er empfindsam und sanftmütig war. Sein Selbstwert aber wurde in den entscheidenden Kinderjahren geknickt und zertrampelt. Ohne es zu wissen, hat er den Racheakt an sich selbst begangen.
 
Hinweis auf weitere Kurzgeschichten von Emil Baschnonga
 
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