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BLOG vom 04.12.2006


Lady of Fashion: Skizzen einer Frau mit Liebe zur Mode
Autor: Emil Baschnonga, London
 
Dieses Skizzenheft zupfte ich vor Jahren aus einem vermischten Stapel von Papieren. Es war unbetitelt. So gestaltete ich einen Buchtitel „The Sketchbook of a Lady of Fashion“, den ich auf die Vorderseite dieses Hefts voller Modeillustrationen aufklebte und dem zudem noch ein Vorwort beigab. Dieses mit feinen Tuschezeichnungen illustrierte Werk band ich in Glanzpapier.
 
Jetzt liegt es wieder vor mir. Ich durchblättere dieses rührende Zeugnis einer Unbekannten. Ihre Skizzen beginnen mit Zierkrägen, rüschenbesetzten Ärmelaufschlägen und Hauben aus der Zeit des Mittelalters. Puppenartige Gesichter gab sie ihren Zeichnungen bei, die eher hastig aufs Papier gebracht, ungelenk und starr wirken. Aber schon ab Seite 3 lockerte sie ihre schwarzen Zeichnungen mit roter Tusche auf. War sie eine Schneiderin gewesen? Entwarf sie Theaterkostüme? Jede Abbildung ist mit einer kurzen Notiz auf Englisch versehen und mit Fachausdrücken beschickt, wie „ruffles, splitting, doublet, neck whisk“, wovon ich nichts verstehe, ausser dem Wort „ribbons“ für Bänder.
 
Sie unterteilte das in „Modisches Mittelalter“ und in „Renaissance“: 16. Jahrhundert − Henry VIII. – Elisabeth − French Renaissance (mit der Zufügung „unter flämischem Einfluss“). Ab 1760 wechselte sie mehr und mehr von der schwarzen auf die braune Tusche über. Ihre Zeichnungen wurden schwungvoll, selbstsicher und grösser. Dazwischen stachen mir ihre fein detaillierten Miniaturen ins Auge. Auch begann sie, ihre Modefiguren zu schattieren. Im kürzesten Teil, diesmal in grüner Tusche, verliert sich ihr Filigran. Die Gestalten sind in sparsam-zügigen Linien hingezaubert. Ihre letzte Illustration trägt die Jahreszahl 1938.
 
Es folgen 3 leere Seiten. Doch auf der letzten Rückseite hat sie in chronologischer Reihenfolge allerlei, wohl für sie bedeutungsvolle Ereignisse mit Jahreszahlen in ihrer säuberlichen Handschrift festgehalten. Ich gebe davon einige wieder: 1801 Jacquard Loom (Webmaschine), 1801–1866 Paul Gavarni (französischer Karikaturist), 1850 Pre-Raphaelite Mouvement, 1828–1882 Dante Gabriel Rossetti (ein führender Pre-Raphaelite Maler), 1805 Trafalgar (Schlacht), 1815 Waterloo (Schlacht), 1851 Great Exhibition (grosse Ausstellung der Nationen im Crystal Palace), 1853 Napoleon III. heiratet Kaiserin Eugenie, 1871 Tod von Dickens, 1878 The Aesthetic Movement, 1894 Erfindung der Kunstseide.
 
Warum habe ich dieses Heft aus dem Stapel gezupft? Unter anderem hat sich meine Mutter zur Modezeichnerin ausbilden lassen, war gelernte Schneiderin, entwarf und führte „Gobelins“ aus. Auch kann ich in Stichworten etliche für meine Mutter bedeutungsvolle Namen nennen wie: Felix Timmermans (flämischer Schriftsteller und Maler. 1886−1947), Stefan Zweig, Thomas Mann, die Beginage in Brügge (Kloster für „Nonnen“, die an kein Gelübde gebunden sind, Bruges, Belgien).
 
Mehr noch veranschaulicht dieses Heft für mich den Werdegang eines von der Kunst beseelten Menschen in Etappen. Dabei ist es gleichgültig, welchen künstlerischen Wert man ihren Skizzen beimessen möge – oder auch keine. Vorbildlich, diese unbekannte „Lady of Fashion!“
 
Hinweise auf weitere Blogs zu lebensphilosophischen Themen
09.07.2006: „Schlagseiten des Gleichheitsprinzips: Alter vor Schönheit”
07.07.2006: „Der Alltag prägt die Gesundheit. Hektik beim Pulsmessen”
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