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BLOG vom 04.06.2006


Hermann Hesse und „Gertrud“ – „Sinnbild über allem“
Autor: Emil Baschnonga
 
Ich habe diesen Roman von Hermann Hesse, der 1910 veröffentlicht wurde, heute erstmals zu lesen begonnen, nein, bis auf die Seite 145 verschlungen, voll und ganz hingerissen. Ich wollte dieses Werk gemessen lesen und geniessen, und dieser Sphärenmusik von Kuhn, dem verkrüppelten Komponisten, den Hesse sprachlich so herrlich vertont hatte, lauschen.
 
Es stört mich jeweils, wenn ein Leser, auf dem leeren Blatt vor der Titelseite, seinen Kommentar zum Werk abgibt: Diesmal sogar in grossen roten Steilbuchstaben kräftig aufs dünne Blatt gepresst. Stattdessen sollte ich mich eigentlich darüber freuen, wenn sich jemand so spontan mit einem literarischen Juwel beschäftigt. Schliesslich halte ich es ja auf diesem Tagebuchblatt auch nicht anders.
 
Der Eintrag in Rotschrift greift den Hesse-Satz auf: „Leiden für andere, sich selber nicht so ernst nehmen.“ Die Notizen werden fortgesetzt: „Wie denkt Hermann Hesse in seinem Roman „GERTRUD“ über das Leben? Das Schicksal war nicht gut, das Leben war launisch und grausam, es gab in der Natur keine Güte und keine Vernunft. Aber: Es gibt Güte und Vernunft IN UNS …“
 
Nein, dieser Leser hatte nicht kommentiert, sondern Hesse auszugsweise zitiert. Hier wird das Zitat zu Ende geführt: „...in uns Menschen mit denen der Zufall spielt, und wir können stärker sein als die Natur und als das Schicksal." Den Schluss des Satzes hatte er jedoch ausgelassen, der mir bedeutungsvoll erscheint: „sei es auch nur für Stunden“.
 
Im leidenschaftlichen Übermut liess sich der junge Kuhn von der kapriziösen Liddy hinreissen und flitzte mit ihr auf dem Schlitten den Steilhang herunter. Das Schicksal wollte es, dass er seine Knochen an einem Baum zerschellte. Liddy entkam glimpflich. Kuhn musste fortan am Stock mühsam durchs Leben hinken. Jahre später ging Kuhn „noch einmal auf den Höhenweg hinauf und schaute den Hang hinunter, den er ohnehin nicht vergessen hätte“.
 
Ganz am Buchanfang schrieb Hesse, also Kuhn: „Wenn ich mich nun besinne, für wen ich diese Blätter beschreibe …, so muss ich einen lieben Frauennamen sagen, der mir nicht nur ein grosses Stück Erleben, sondern wohl auch als Stern und hohes Sinnbild über allem stehen mag.“ Viel später im Buch, als Kuhn den Vorruhm als Komponist gewonnen hatte, begegnete er Gertrud, die Tochter des wohlhabenden Fabrikanten Imthor und Musikliebhaber, als er in dessen Haus als Geiger im Trio seiner Sonate mitspielte. Zwischen ihnen entsprang eine innige Freundschaft, abseits der Liebe, die Kuhn vorenthalten blieb. Sein Freund Muoth, der berühmte Opernbariton, ergatterte Gertruds Liebe. War das Leben deswegen „launisch und grausam“ gegen Kuhn? Für ihn bot die Musik alle Liebe und Güte, die er brauchte – nicht nur für Stunden, sondern durchs ganze Leben.
 
„Man kann doch einen Schmerz nicht aufs Papier schreiben und damit los sein“, wandte sich Muoth grobschlächtig an Kuhn. Hermann Hesse hat es überzeugend in „Gertrud“ dargelegt: Man kann! Kunst ist mir das beste Lebenselixier – ob als Sphärenmusik oder dem Schoss der Natur entspringend.
 
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