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BLOG vom 28.05.2006


Plaudertaschen und Klatschbasen unterm Drachenfels
Autor: Emil Baschnonga
 
An einem warmen Sonnentag wurde ich von einer befreundeten Familie zum Abendessen beim letzten Weinberg unterm Drachenfels bei Rhöndorf D eingeladen, in Konrad Adenauers Wohnort, wo es erst noch eine Bäckerei gibt, in der man das Adenauer-Schrotbrot kaufen kann. Wie leicht man ins Plaudern kommt … Wer schriftlich plaudert, darf den Satz nicht fahren lassen, wer es mündlich treibt, darf den Redezügel nicht vom Maul geben.
 
Also sassen wir wohlgemut draussen mit gutem Ausblick gegen den Rhein. Ehe wir uns gesetzt hatten, hatte uns die Serviertochter Kissen gebracht. So hockt man bequemer und isst und trinkt wohl mehr.
 
Die 12-jährige Tochter der befreundeten Familie war voll und ganz mit dabei und beschlagnahmte augenblicklich die Konversation, so wie es nur ein Backfisch fertigbringt. Das geschah, als ich Laura fragte, was sie werden wolle. „Architektin“, sagte sie stracks. Die Augen ihrer Eltern glänzten, wie Laura einen Palast entwarf und den Plan in allen Einzelheiten ausmalte. Weiss müsse er sein mit hohen, breiten, oben abgerundeten Fenstern und weiter mit einer Marmortreppe zum Garten mit Springbrunnen und ... und ... Was hatte ich da nicht angekurbelt? Gerne liess ich mir vom süffigen lokalen Weisswein nachschenken und war froh, dass ich auf einem weichen Kissen sass.
 
Ich gelte meistens als guter Zuhörer, selbst wenn meine Gedanken wie diesmal dem Palast nach einem geraumen Weilchen entflohen. Ich nickte hin und wieder beifällig, was den Rohrspatz befeuerte. Auch streute ich gelegentlich Fragen ein, was ihr und ihren Eltern sehr behagte.
 
Mit anderen Worten nahm ich äusserlich weiterhin Anteil, während ich innerlich längst den Drachenfelsen erklettert hatte. Der Abend unter den letzten Sonnenstrahlen ist mir in guter Erinnerung geblieben. Ich empfand bei Lauras Geplauder, wie Wilhelm Busch
Plaudertasche
Du liebes Plappermäulchen,
bedenk dich erst ein Weilchen
und sprich nicht so geschwind.
Du bist wie unsre Mühle
mit ihrem Flügelspiele
im frischen Sausewind.
Wenn die Plaudertaschen gross geworden sind, werden sie zu Klatschbasen. Die alten Klatschbasen fürchte ich am meisten. Doch gibt es für mich 2 Ausnahmen:
 
1. Meine Frau kennt Mlle. Dionis seit ihrer ersten Londoner Zeit, als beide bei einer französischen Familie Unterkunft hatten. Die unermüdliche Mlle. Dionis nahm sie sofort unter ihre Fittiche. Zusammen besuchten sie unzählige Sehenswürdigkeiten und Ausstellungen. Das bleibt haften.
 
Die 96 Jahre alte Jungfer lebt mutterseelenallein in ihrem Appartement voller Souvenirs und einem stets angedrehten Fernsehapparat. Ein riesiges Mitteilungsbedürfnis hatte sich verständlicherweise in ihr angestaut. Zahnlos, wie sie war, sprudelte sie munter los. Die erste halbe Stunde lauschte ich ihr aufmerksam. Meine Frau goss zwischenhinein Öl in die Flamme. Während der zweiten halben Stunde schenkte ich meine Aufmerksamkeit ihrem etwas altertümlichen, doch ausgezeichnet erhaltenen Französisch. Meine Frau weiss, was es bedeutet, wenn ich unruhig auf dem Stuhl zu rutschen beginne … Das Ritual des Abschieds beanspruchte noch eine Viertelstunde.
 
2. Letzten Sonntag besuchte uns „Cookie“ aus Bombay. Es wäre höchst beleidigend, sie eine Klatschbase zu nennen. Wir lernten sie zuerst als „Babysitter“ kennen. Unsere beiden Söhnlein ergötzte sie mit Geschichten und Kinderreimen, auch bastelte sie mit ihnen Kartonhäuschen usf., half ihnen mit den Farbstiften wacker voran und animierte dabei ihre Vorstellungsgabe. „Cookie“, das erfuhren wir erst später, ist eine geschulte Kinderpädagogin, die genötigt war, ihren Verdienst aufzubessern. Wir freuten uns auf ihren Besuch und empfingen sie bei uns dementsprechend.
 
Unsere erwachsenen Söhne waren natürlich mit dabei und umarmten „Cookie“ begeistert. Die Wiedersehensfreude trieb uns allen Tränen in die Augen. Trotz ihrer 87 Jahre arbeitet sie in ihrem Fach weiter, trainiert in Bombay Kindergärtnerinnen in einer Schulstiftung für arme Kinder und amüsiert und unterhält auf die lehrreichste Art „ihre Babys“, wie sie sich ausdrückte.
 
Das Thema „Kinder“ brachte sie wie immer in Fluss. Gefesselt hörten wir ihr zu. Ihr Anekdotenschatz war unerschöpflich und ihr Leben in Bombay fesselnd. Sie zeigte uns Fotos von der ganzen Sippe, wie sie „Cookies“ Geburtstag feierten. Ihre Augen rollten lebhaft. Von London, erfuhren wir, reise sie weiter nach New York und Miami zu erweiterten Familienbesuchen. Dann geht es wieder zurück nach England, wo ihr noch viele Besuche bevorstanden – nicht nur in London, sondern in ganz England, bis hoch nach Schottland.
 
So eine Reserve von Energie möchte ich auch haben. Nach dem Mittagessen verteilten wir uns in die Polstersitze. Nein, ich liess mir nicht anmerken, dass ich nach 3 Stunden gern ein Nickerchen gemacht hätte. Im Seitenblick sah ich, dass die Augen meiner Söhne nach und nach verglasten. Es drängte sie jetzt wohl, durchaus verständlich, zu ihren Kumpanen. Aber sie geduldeten sich wirklich tadellos!
 
Auch diese Begegnung nach so vielen Jahren wird uns in bester Erinnerung bleiben. Dank „Cookie“ kennen sie alle englischen Kinderreime, begonnen mit: „Baa, Baa black sheep, Have you any wool? Yes sir, yes sir, Three bags full.”
 
Daraus, meinte nachher einer der Söhne schmunzelnd, hat „Cookie“ diesmal einen langen Strang Wolle gemacht. „Cookie“ gehört eindeutig zu unserer Familie.
 
Zu jenen Klatschbasen, die ich als Kind fürchtete, gehört eine ältere Dame, die jeweils unangemeldet bei uns in Basel zum Nachmittagskaffee – mitsamt Kuchen – wie aus heiterem Himmel erschien. Was mir zuerst an ihr auffiel, waren ihr 4-eckiges Gesicht und ihr frisch mit der „Lockenzange“ gedrechseltes Haar. Meine Eltern bestanden zuerst darauf, dass ich brav an solchen langen Sitzungen mithielt. Wie schwer mir die Augendeckel wurden, wie sie mit monotoner Stimme die gleichen alten Nachrichten ableierte … Dank vorgeblichem Stuhldrang lernte ich bald, ihr zu entkommen und verschwand spurlos, kaum wurde an der Haustüre geklingelt.
 
Jetzt habe ich selbst zu viel geplaudert, was sonst nicht meine Art ist. So verabschiede ich mich hier endlich als Ihr Klatschonkel.
 
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