Textatelier
BLOG vom: 08.08.2005

Meetings heute: Nackt, provozierend und einschüchternd

Autor: Heinz Scholz, Schopfheim D
 
Meetings. Ein moderner Begriff. Warum denn muss man immer dieses englische Wort benutzen, wenn es gute deutsche Begriffe gibt? Ich sah in diversen Wörterbüchern nach und stellte fest, dass es tatsächlich mehrere treffende Synonyme gibt, auf die man auch selber kommen kann: Ein Meeting kann eine Begegnung, eine Versammlung, ein Treffen oder eine Tagung sein.
 
Kürzlich las ich in „Focus Online“ einige amüsante Ereignisse, die sich bei solchen Meetings ereignet haben: Eine Firma schaltete japanische Geschäftspartner per Videokonferenz zu einer Tagung zusammen. Ein Teilnehmer aus dem fernen Nippon war wohl noch nicht mit der Morgentoilette fertig oder geistesabwesend, denn er erschien im Adamskostüm auf der Leinwand.
 
Bei einer anderen Zusammenkunft überraschten Teilnehmer ein liebestolles Pärchen im Konferenzraum, eng umschlungen. Nun wussten alle Bescheid, wer mit wem liiert ist. Peinlich wäre es gewesen, wenn der Chef mit der Sekretärin in flagranti erwischt worden wäre!
 
Ein anderer Teilnehmer benutzte sein Handy, aber nicht um zu telefonieren, sondern um ein erotisches Filmchen anzusehen. Plötzlich war ein lautes Stöhnen zu hören. Er hatte vergessen, den Ton auszuschalten.
 
Während einer anderen Versammlung stritt sich ein Ehepaar lauthals. Sehr peinlich für die Streitenden: Die versammelte Mannschaft hörte pikante Details aus ihrem zerrütteten Leben.
 
Eine Firma lud Pressevertreter zu einer Konferenz ein. Als ein Mann wortlos einen Platz am Konferenztisch einnahm, glaubten die Veranstalter, dieser müsse der Vortragsredner sein. Als es zur Sache ging, flog alles auf. Der Mann war nicht der angekündigte Fachmann, sondern war psychisch krank und kurz vorher aus einer Psychiatrischen Anstalt geflohen.
 
Bei langweiligen Firmen-Versammlungen beobachtete ich immer wieder, dass so manch einer in Morpheus Arme sank. Dies ging nicht immer leise vor sich, da etliche zum Schnarchen anfingen. Dies passierte immer dann, wenn die Treffen kurz nach dem ermüdenden Mittagessen anberaumt waren. Manchmal spürte ich auch die Müdigkeit in die „Glieder“ bzw. Augenlider fahren. Aber ich riss mich zusammen und hielt krampfhaft die Augen offen oder atmete Pfefferminzöl ein.
 
Manche Chefs lassen bei Versammlungen das nötige Feingefühl vermissen. Dazu einige Beispiele: Eine Kollegin, die früher in einer Pharma-Firma in der Schweiz tätig gewesen war, wurde zusammen mit Beschäftigten ihrer Abteilung 10 Minuten vor der Mittagspause zu einem Treffen geladen. Der Chef machte die Mitarbeiter in einem kalten, herzlosen Ton darauf aufmerksam, dass die Abteilung aufgelöst werde. Dann folgte ein zynischer Satz, der etwa so lautete: „Wer nicht ins Hauptwerk nach Basel gehen will, kann die Firma verlassen.“ Es ist wohl klar, dass keinem Mitarbeiter nach diesen unheilvollen Worten das anschliessende Mittagessen besonders gut schmeckte.
 
Meine Kollegin verliess darauf das Werk und fand in der deutschen Niederlassung der Firma einen neuen Arbeitsplatz. Einige Jahre später wurde der unsensible Abteilungsleiter aus der Schweiz just in dasselbe Werk, in der meine Kollegin arbeitete, abgeschoben. Wahrscheinlich wollten ihn die Schweizer nicht mehr haben, so jedenfalls meine Vermutung. Und nun hatte meine Kollegin wieder mit diesem „feinfühligen“ Menschen zu tun. „Den werde ich wohl nie los“, war ihr Kommentar.
 
Eine Versammlung mit diesem „Charmebolzen“, wie er ironisch genannt wurde, blieb mir im Gedächtnis haften. Während seines Vortrags vergrub er seine Hände in den Hosentaschen und lief wie ein Pfau herum. Ich hatte noch nie vorher einen so überheblichen Menschen gesehen. Nach seinem Vortrag – es ging um Sparmassnahmen in der Abteilung – bat er um Wortmeldungen. Als keiner der Anwesenden darauf reagierte, rief er unwirsch in den Raum: „Soll ich Euch provozieren?“ Als auch diese Worte nichts nützten, beendete er die Sitzung und rauschte mit verkniffenem Mund von dannen. Kurze Zeit später wurde der unmögliche Abteilungsleiter pensioniert. Alle atmeten auf, und es begann eine neue Ära mit Chefs, die ein besseres Benehmen an den Tag legten.
 
Besonders heikel sind Zusammenkünfte zwischen einem Vorgesetzten und einem zu entlassenden Mitarbeiter. Wie das vor sich gehen kann, schilderte eindrücklich Lislott Pfaff in dem Blog „Entlassung – ‚eine elegante Lösung’“ (21. 1. 2005) lebensnah. Sie kam sich wie in einer Gerichtsverhandlung vor. Die langjährige Mitarbeiterin von Novartis wurde vom stellvertretenden Direktor sowie den beiden Vizedirektoren empfangen. Den missglückten Einschüchterungsversuch hatten diese gemeinsam unternommen. Hier wurde eindeutig Macht demonstriert.
 
Das Feingefühl scheint solchen Kreisen abhanden gekommen zu sein, obschon es Ausnahmen gibt. Was zählt, sind im allgemeinen Macht und das eingesparte Geld, angeblich zum Wohle der Firma und auf Kosten der Mitarbeiter. Fette Prämien, hohe Gehälter und Pensionen sind den Managern sicher. Genau darum scheint es heute in erster Linie zu gehen. Die Vorbilder sind dort, von wo wir das Wort Meeting übernommen haben. Wir wollen ja gelehrige Schüler sein.
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