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     14. Dezember 2018, 12:01 Uhr
 


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Kopfjäger

Eine Reportage von Walter Hess

Werft eure primitiven Traditionen weg...!
Indonesiens verheerender Versuch, Urvölker zu zivilisieren


Gewisse Anzeichen von Zivilisation: Iban-Langhaus bei Bekenu [Fotos: Rolf P. Hess und Walter Hess]

Schlagzeilen wie "Schiessbefehl soll Dayak-Mob stoppen" , wie sie Ende der 80er-Jahre in der Presse zu lesen waren, rütteln auf. Ich habe im Juni 1989 selber auf Borneo eine Nacht in einem Langhaus bei Kopfjägern verbracht und diese als gastfreundliche, liebenswerte, ja sanfte Menschen empfunden.

Wir sassen auf dem Boden, diskutierten, assen Reis mit Fleisch und tranken Reiswein (Tuak) und Rum in der Nähe von angeschwärzten geschrumpften Schädeln, die mit Schnüren zu Bündeln geformt waren und als Trophäen von der Decke baumelten. Es seien „Japaner aus dem 2. Weltkrieg“, wurde uns mit einem gewissen Stolz im Unterton mitgeteilt – ein Sieg über Japan [1], ebenso wie abendländische Jäger stolz sind und Geweihe an die Wand nageln, nachdem sie mit ihrem Hightechgewehr ein unschuldiges, wehrloses Tier zur Strecke bringen konnten. Im Südseeraum wurden anstelle unserer Jagdhörner meistens Schneckenhörner (von der Triton- oder Cassisschnecke) verwendet, um den Jagdbetrieb akustisch zu untermalen, ähnliche archaische Kulturprinzipien.

Mein Bruder Rolf P. Hess und ich hatten in Miri (Sarawak, Malaysia) einen hilfsbereiten, intelligenten Reiseführer, Ulok, angeheuert, der sich als Angehöriger der Iban (See-Dayak) entpuppte. Er wäre am 1. Juni 1989 gern am Reiserntefest daheim, sage er nach ein paar Exkursionen im Regenwald, und wir dürften gern mitkommen. Wir nahmen begeistert an und reisten auf reissenden Flüssen sowie Waldwegen durch hügelige, üppig bewachsene Wälder zu den Eingeborenen. So ganz zivilisationsfrei, so urtümlich wie wir es uns vorgestellt hatten, war die Idylle im Urwald bei Bekenu auch wieder nicht: Ein Generator erzeugte Strom, damit drinnen im Haus, wo Neonröhren brannten, am Fernsehgerät ein Fussball-Ausscheidungsspiel verfolgt werden konnte; „Liverpool“ war hier kein Fremdwort. Ein Bursche riss mich am Ärmel, führte mich neben Hühnern und einem müden Hängebauchschwein vorbei unter einen nahen Baum und zeigte mir dort sein Motorrad – der ganze Zivilisationsballast überrollte also auch diese einsame Siedlung.

Kopfjäger mit Jagdverbot
Was bleibt von Kopfjägern , die keine Kopfjagden mehr veranstalten dürfen? Fragen Sie Ihren Headhunter. Vor allem christliche Missionare waren es gewesen, welche die Eingeborenen in den 30er- bis 50er-Jahren des vergangenen 20. Jahrhunderts zu überzeugen vermochten, dass diese spezielle Form der Jagd eine unehrenhafte sei und gegen das christliche Gebot "Du sollst nicht töten" verstosse, das sich allerdings nur auf Menschen (und nicht auch auf Tiere) bezieht. Solche Vorschriften kannten die "Wilden" in Indonesien und Malaysia bisher nicht – im Gegenteil, sie konnten sogar in einen höheren gesellschaftlichen Rang aufsteigen, wenn sie sich im Krieg oder auf der Kopfjagd ausgezeichnet hatten, die aus verwandtschaftlichen Rücksichtsnahmen heraus immer nur ausserhalb des eigenen Stammes betrieben wurde. Sie besassen eben ihre eigene Religion, die sie lehrte, dass die Lebenskraft der Getöteten für das Gedeihen der Felder oder der Gemeinschaft überhaupt nützlich sei, ungefähr so, wie Christen Schlangen erschlagen, weil man ihnen eingeredet hat, die Kriechtiere seien Verkörperungen des Bösen.

Der Glaube an die Körperseele hat die Kopfjagd beflügelt und auch zum Kannibalismus beigetragen, wobei folgerichtig der Schädel als Hauptsitz der Seelenkraft besonders begehrt war; es gibt Parallelen zum Trophäenkult beim spanischen Stierkampf. Wahrscheinlich ist die permanente Vergiftung des Körpers der weissen (nicht: weisen) Zivilisierten durch verseuchte Industrienahrung und Chemikalien aller Art die Hauptursache dafür, dass wir für kannibalistische Verwertungen heute eher ungeeignet sind, abgesehen von Ausnahmen, wie sie 2003 aus Deutschland bekannt geworden sind. Urvölker haben ein Gespür für die Qualität ihrer Nahrung. Somit verkehren sich die Auswirkungen unserer Fabrikkost ins Gegenteil: sie erhält als einsame Ausnahme lebensrettende Aspekte... Jedenfalls bin ich der schreibende Beweis dafür, dass wir die Nacht unter Kopfjägern unbeschadet überlebt haben.


Sieg über Japan: Angeschwärzte Schrumpfköpfe als Erinnerung an die Kopfjägerzeit [Fotos: Rolf P. Hess und Walter Hess]

Archaische Kopfjagden
Wie überall, wo Menschen zusammenleben, herrschte auch im Bereich des Südchinesischen Meeres ein permanenter Kriegszustand, der allerdings nicht mit Fernlenkwaffen, Uranmunition und Streubomben aus dem Hinterhalt, sondern auf handwerkliche Art und Weise bewältigt wurde. Das macht die Kopfjägerei vergleichsweise sympathisch – jedenfalls für mich. Die Kriegsführung im Urwald war schliesslich von gewissen Regeln der Ritterlichkeit geprägt. Aber eben, es kann der Ritterlichste nicht in Frieden jagen, wenn das den Missionaren nicht gefällt, die halt einem anderen, nach eigenem Bild geschaffenen Gott huldigen. Und der damalige Umweltminister von Sarawak, Datuk James Wong, hat noch einmal einen anderen, einen vergoldeten: Dieser Milliardär erfreut sich einer Konzession, welche die Nutzung von 640 000 ha Wald erlaubt, knapp die Fläche unseres Schweizer Kantons Schwyz. Das Holz kann verkauft werden, und er schafft auf den Kahlschlagflächen Platz für Ölpalmenplantagen. Den Widerspruch zwischen Naturschutz und Waldabholzung überspielt er mit einem hausgemachten Gedicht: "Oh Penans [2], werft eure primitiven Traditionen weg, überschreitet endlich den Rubikon und tretet unserer Zivilisation bei!" Sie kennen den Rubikon nicht, dafür aber den Tutuh und bleiben ihren heimatverbundenen Traditionen treu.

Die Wucht der Zivilisation
Es ist augenfällig, wie unangepasste ethnische Gruppen von bürokratisierten und zivilisierten Staaten überall mit den unterschiedlichsten Massnahmen der kulturellen Zerstörung zugetrieben werden. In Kalimantan (Indonesisch-Borneo), wo amoklaufende Dajaks [3] Anfang 2001 mit Macheten, Speeren und Giftpfeilen mit dem Abschlachten von Zuwanderern, vor allem Maduresen, begonnen haben, geschah dies mit dem zentralistisch verfügten so genannten "Transmigrasi"- Projekt. Mit diesem Umsiedlungsplan hat die prowestliche Suharto-Diktatur bzw. -Vetternwirtschaft jahrzehntelang die Weltbank und die internationale Gebergemeinde zutiefst beeindruckt, obschon die wachsenden ethnischen Spannungen unverkennbar waren. Mit finanzieller Hilfe aus dem Westen unter Beistand christlicher Kirchen wie der vor allem in Südostsulawesien (Celebes) tätigen Gepsultra [4] und christlich-chinesischer Finanzkonglomerate wurden seit 1950 fast 10 Mio. Menschen umgesiedelt, wovon 700 000 nach West-Papua. Dies geschah vor allem, um die aus allen Nähten platzende indonesische Hauptinsel Java [5] und weitere Inseln in der Umgebung wie Madura, Sumatra und Bali zu entlasten. Den Transmigranten wurden zumindest 2 ha Land, Saatgut, Geräte und Fertigteilhäuser zur Verfügung gestellt.

Gleichzeitig wurden Umsiedler gewissermassen als zivilisatorische Waffe eingesetzt, um die Ureinwohner „aus der Steinzeit zu reissen“ und um geldbringende Ressourcen zu erschliessen, eine Form von Kolonisierung. Die Ureinwohner, die den Strassenbauten und der Naturausbeutung nur im Wege standen, wurden vertrieben und zielstrebig in ihren Grundfesten und ihren Grundrechten tiefgründig erschüttert. Sie mussten zusehen, wie sich eine politische Elite auf ihre Kosten bereicherte. Es kam zu unangepassten Landnutzungen wie riesigen Plantagen, Holz- und Minenbetriebe (Gold, Zinn, Kupfer), eine wuchtige Kulturzerstörung, die von den meisten westlichen politischen Institutionen und Medien heruntergespielt wurde, weil sie vorher alles als gut befunden und gefördert hatten. Die Toleranz der Ureinwohner auf Borneo, die als nachgiebig gelten, ist dadurch ebenso überstrapaziert worden wie jene der Melanesier in Westpapua (Irian Jaya) oder 1999 in Westkalimantan, wo ein Vertreibungsversuch rund 3000 Opfer gefordert hat, und auf den Molukken (5000 Tote) .

Der zivilisationsbesessene Westen hätte gescheiter von den missliebigen „Wilden“ gelernt, die eine sorgfältige Wanderwirtschaft betrieben haben, den Regenwäldern wieder Zeit zur Erholung gaben und auf diese kaum einen zerstörerischen Einfluss hatten, den Boden vor Erosion schützten und keine BSE -Probleme und Maul- und Klauenseuchen kannten, und wenn es solche gegeben hätte, wären sie wenigstens nicht global verschleppt worden.


Freundliche Kopfjäger-Nachkommen: Walter Hess mit Reisschale bei den Ibans (1989) [Fotos: Rolf P. Hess und Walter Hess]

Kulturelle Einebnungen
Im Rahmen des Vorantreibens der weltweiten kulturellen Einebnung namens Globalisierung ist für anpassungsunwillige Eingeborene wie Alt-Kopfjäger, unabhängigkeitsliebende Schweizer, Norweger und dergleichen wenig Platz. Selbst Heilmethoden , die noch an Urwüchsiges erinnern wie die Naturheilkunde, werden abgewürgt, wie das selbst in der noch erfreulich rückständigen Schweiz geschieht. Die US-Amerikaner sind sogar mit den Indianern fertig geworden – man könnte sich eigenhändig den Skalp vom Kopf reissen, wenn man ansehen muss, was die US-Zivilisation aus diesem ehemals stolzen Kulturvolk gemacht hat, soweit es nicht ausgerottet wurde: Das heutige Leben der Indianer in den etwa 300 Reservationen der USA, die dem Bureau of Indian Affairs unterstehen, ist überwiegend von Armut, Arbeitslosigkeit, Alkoholismus, hoher Kindersterblichkeit und Analphabetentum charakterisiert. Der erfolgreichste indianische Geschäftszweig heute sind die Casinos. Die quasi-autonomen Reservate stehen in einzelnen Belangen ausserhalb der staatlichen Gesetze. So können sie eine hochrentable Glücksspielindustrie aufziehen.

In Mexiko brachen Rebellionen wegen der Politik der Integration der Indígenas (der Eingeborenen ) aus dem Indianer-Bundesstaat Chiapas im Südosten des Landes in die Mestizengesellschaft [6] aus; zu den Indígenas rechnen sich rund 10% der 97 Mio. Mexikaner. Sie führte zu Unterdrückung, Feindseligkeiten und Massakern – die Zapatisten nahmen den Kampf zur Verteidigung ihrer Kultur auf.

Überall auf der Erde ist eine eigentliche Manie festzustellen, alles, was nicht ins Einheitsschema der verwestlichten Zivilisation passt, niederzuwalzen, nicht etwa weil durch das Andersartige Schäden angerichtet würden, sondern schlicht und ergreifend bloss, weil es anders ist. Der kulturelle US-Einheitsbrei, der Brechreize provoziert, ist die bestimmende Grösse. Vielvölkerstaaten wären die weit intelligentere Lösung als Verschmelzungskonzepte, welch letztere eine zwar allgemein tolerierte, im Grunde aber die übelste Form von Rassismus sind.

Aussenseiter unerwünscht
Was für ethnische Belange gilt, kann 1:1 auf alle Sektoren menschlichen Handelns übertragen werden. Der aus dem Emmental stammende Aussenseiter und Pionier des organisch-biologischen Landbaus, Hans Müller , musste unglaubliche Anfeindungen über sich ergehen lassen, weil er auf die Bodenzerstörungen durch Kunstdünger und Agrochemikalien hinwies und für einen lebendigen Boden kämpfte – er war eben nicht mit der Industrielandwirtschaft kompatibel. Förster, die Wälder unberührt lassen wollten, wurden verunglimpft und fertig gemacht, weil das nicht mit den Philosophien der industrialisierten Waldwirtschaft vereinbar war. Darüber hinaus zeigen Naturwälder auf, dass diese Waldform eine bessere ökologische Gesundheit gewährleistet. Dasselbe System bricht überall durch: Kinder und Erwachsene grenzen andere aus, die sich nicht den Gruppen- und Cliquenzwängen und vorgegebenen Normen und Hackordnungen mit den nach unten abnehmenden Rechten unterwerfen: Mobbing in verschiedenen Intensitäten. In amerikanischen High-Schulen (Lebensvorbereitung zwischen 9. und 12. Klasse) kommt es als Folge davon immer wieder zu Amokläufen und Schiessereien.

Vergleiche, die schmerzen
Wer nicht eingebunden wird oder sich nicht einbinden lässt, wer in einer Gesellschaft, die sich von der Natur gelöst hat, den Einklang mit der Natur sucht, entsprechend handelt und Massstäbe setzt, hält den Gruppierten und den Degenerierten einen Spiegel vor, in den zu schauen für die Betroffenen schmerzlich ist. Wenn es diesen gelingt, die unliebsamen Vergleichsmöglichkeiten auszumerzen, ist ihr Problem aus der Welt geschafft, – man hat sich davor geschützt, beschämt zu werden. Im Kleinen und im Grossen gibt es deshalb immer wieder Bemühungen, die Individualität der Unangepassten zu brechen, Ordnung und Disziplin mit Gewalt herzustellen.

Die Menschen in den Urwäldern von Borneo wehren sich gegen Verhaltensnormen, die sich überall etabliert haben, auf ihre eigene, unangepasste und brutale Weise. Man kann dafür durchaus Verständnis haben.

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[1]Im 2. Weltkrieg wurden Nordborneo und die Malakkahalbinsel von Japan besetzt. 1946 fassten die Briten Negeri Melaka, Pulau Penang und die 9 malaysischen Staaten auf der Halbinsel zur Malaysischen Union zusammen. 1948 wurde daraus der Malaysische Bund.

[2]Die Penan sind ein im Urwald von Sarawak nomadisierendes Volk, für das sich der seit Ende Mai 2000 auf unerklärliche Weise verschollene Schweizer Bruno Manser eingesetzt hat; ihre Zahl wird auf rund 300 geschätzt.

[3] Dajak ist der Sammelname für die "Wilden" Borneos; es sind altmalaiische Stämme (wie Kenja, Kajan und die kriegerischen Iban).

[4]Die seit 1957 existierende Gepsultra geht auf niederländische Missionare zurück. Sie wurde anfänglich stark bedrängt, weil in Südostsulawesi eine militante muslimische Bewegung existierte, die Indonesien zu einem Islamstaat machen wollte. Durch das Transmigrasi-Projekt bekam sie jedoch Zulauf durch Umsiedler aus ganz Indonesien.

[5]Auf Java leben etwa 65% der Bevölkerung Indonesiens(125 Mio); sie umfasst flächenmässig etwa 7% des Inselreiches.

[6] Mestizen sind Mischlinge zwischen Indianern und Weissen.

 
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