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     June 7, 2020 00:40 CET
 


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Was ist von Chi Gong (Qi Gong) zu halten?

Uns ist von Freunden empfohlen worden, einen Chi-Gong-Kurs zu besuchen. Was wissen Sie darüber, und können Sie das empfehlen?
K.A., D-79713 Bad Säckingen

Antwort: Bei Chi Gong[1] (Qi Gong, Chi Kung) handelt es sich um Energieübungen; das ist auch die sinngemässe Übersetzung des Namens. In der chinesischen Lebens- und Gesundheitslehre ist das Chi (auch Qi, die Lebensenergie, Atem, Odem) von grundlegender Bedeutung. Es ist eine Naturkraft. Ihr harmonischer, unbehinderter Fluss gewährleistet Gesundheit und Wohlbefinden, genau wie beim Feng Shui, der Lehre von der harmonischen Gestaltung des Hauses oder der Wohnung, selbstverständlich unter Einbezug der Umgebung. Diese altchinesische Design-Philosophie will durch eine zweckgerichtete Architektur auch Wohlstand und Geld vermehren, und es ist faszinierend, sich damit zu befassen und daraus für die eigene Lebensweise Nutzen zu ziehen.

Selbstverständlich ist die chinesische Lebensphilosophie auf den dortigen Kulturraum zugeschnitten; dennoch ist es durchaus möglich, das Wissen auch auf die eigenen Gefilde zu übertragen, was allerdings ein recht anspruchsvolles und gelegentlich riskantes Unterfangen ist. China besitzt einen enormen historisch begründeten Wissensfundus (wie die traditionelle Medizin u.a. mit Akupunktur, Moxabehandlung, Heilmassage und Heilgymnastik, sodann die Astrologie, Physiognomie, Numerologie usw.), Weisheiten, die wir nur in groben Zügen erfassen können. Selbstverständlich haben auch andere Kulturen Wegweisendes zu bieten – man braucht es nur zu nutzen.

Vielleicht liegt manches an den Metaphern: So sagen wir, eine vorwiegend sitzende Lebensweise fördere die Durchblutung zu wenig. In Anlehnung an die chinesischen Erkenntnisse würde man formulieren, eine überwiegend sitzende Lebensweise stimuliere den Energiefluss nicht ausreichend. Beides bedeutet dasselbe. Und überall gilt, dass ungestörter Energiefluss für biologische Abläufe fundamental ist.

Das Chi Gong, auf das sich Ihre Frage bezieht, ist eine Verbindung von Meditation, Atmung, Ruhe oder Körperbewegungen mit dem Ziel, den Energiefluss zu harmonisieren; gelegentlich kommen auch Hypnose und Selbsthypnose ins Spiel. Es hat viele Parallelen zum Tai Chi. Auch hier geht es um fliessende und konzentrierte Bewegungen, bewusste Atmung und innere Versenkung. Wenn die Chi-Gong-Übungen richtig durchgeführt werden, kommt es zu einer Körpererwärmung, die bis zum Schwitzen gehen kann. Mein Bruder Rolf P. Hess hat zusammen mit seiner Gattin Alice, einer gebürtigen Chinesin, Anfang 2002 ein Chi-Gong-Seminar in Bangkok besucht und mir zur Beantwortung Ihrer Frage folgenden Erlebnisbericht aus 1. Hand übermittelt:

"Wie James Bond sind wir per Longboat am Oriental Hotel vorbeigefahren und per Tuktuk (Kleintaxi) an unsere Adresse gekommen, einen "Chinese Medicine"-Laden, geführt von Master Ho aus Shanghai. Er hat uns ‚abgetastet', allerdings ohne uns zu berühren, und hat Alice und mir Schwachstellen aufgezeigt, die uns echt überraschten – zuerst sah das alles wie Scharlatanerie aus, und doch hatte er Recht. Er erkannte sogar meine Blinddarmnarbe, obschon diese durch Kleider zugedeckt war und ich sie längst vergessen hatte.
Nach 20 Minuten Blutzirkulationsanregung durch Elektroden, von entspannender tibetanischer Musik untermalt, wurden wir (insgesamt 4 Personen) angewiesen, auf dem Boden zu stehen, in einer Position ganz ähnlich der, die ein Golfer vor dem Abschlag annimmt: Beine leicht gespreizt, etwas in der Hocke (Knie ragen auf die Höhe der Zehenspitzen vor), mit geradem Rücken – genau wie man auf einem Barhocker sitzen würde, Kopf in horizontaler Lage und die Arme ebenfalls horizontal vor uns ausgestreckt. Augen zu. ‚Relax!' Nach ein paar Minuten waren die Sehnen und Muskeln in den Knien und Oberschenkeln sehr angespannt. Dann gab er hinter unsern Rücken von seinem eigenen Chi ab – wiederum ohne uns zu berühren. Mir begannen die Beine zu zittern, und bald flatterte der ganze Körper wie Espenlaub beziehungsweise wie von einem sehr starken Fieber geschüttelt. Schweiss tropfte nur so herunter, am Ende der 20 Minuten standen wir alle in Schweisspfützen...
Während der letzten 5 oder 10 Minuten schnappte ich nach Luft wie ein Fisch, und als wir uns endlich aufrichten konnten, soll ich schneeweiss ausgesehen haben. Wir legten uns auf eine Matte, und einer aus unserer Gruppe fing innerhalb Minuten an zu schnarchen.
Wir haben enorm gelitten, fühlten uns nachher aber trotzdem grossartig. Master Ho versprach, dass wir 20 Jahre länger leben werden, wenn wir diese Übungen während der nächsten 100 Tage machen, die ersten 10 Tage unter seiner Leitung.
Wir alle glaubten nicht, dass man überhaupt 20 Minuten in der oben beschriebenen Stellung verharren kann, gelegentlich soll das aber bis zu 1½ Stunden möglich sein.
In der Zwischenzeit haben wir grosse Fortschritte gemacht. Am 3. Tag stand ich bereits 65 Minuten in jener ‚unmöglichen' Stellung, und ab dem 5. Tag stellte sich der Chi-Gong-Energiefluss ein. Seither macht der Körper seine eigenen Entkrampfungsübungen, die richtig wohltun. Wir lassen unser Chi nun täglich 30-45 Minuten lang fliessen und fühlen uns danach sehr gut, locker und etwas schlanker."

Soweit der Erfahrungsbericht meines auf Cebu (Philippinen) lebenden Bruders. Daraus geht hervor, dass das Chi Gong, dessen Wurzeln im Schamanismus liegen, eine gute, harmonisierende Entspannungsmethode ist, wobei selbstverständlich verschiedene Menschen darauf in unterschiedlicher Weise ansprechen. Es ist zweifellos einer banalen mechanistischen (Kranken-)Gymnastik vorzuziehen, weil dabei auch Geist und Gefühle einbezogen werden, es also ein ganzheitliches Unterfangen ist, das zum Wesen einer Disharmonie oder Krankheit vordringt.

In China werden sogar spezielle Chi-Gong-Therapien verschrieben, die bei Krebserkrankungen durch eine spezielle Atemtechnik (Windatmung) angeblich recht gute Resultate zeitigen sollen. Auch das Immunsystem soll durch eine erhöhte Zellaktivität gestärkt und das Sehvermögen verbessert werden, wenn die Übungen regelmässig durchgeführt werden, wobei selbstverständlich keine Wunder zu erwarten sind. Aber was damit angestrebt wird, ist beeindruckend. Li Zhi Nan, Chi-Gong-Experte und Vizedirektor der Qigong Science Society in China: "Das Ziel der Techniken ist ein langes Leben, bleibende Gesundheit und Schutz vor Krankheiten."

An der Tongji Universität, Wuhan/China wurde 1981 eine Forschungsgesellschaft für wissenschaftliches Chi Gong gegründet, und an der Xi Yuan Klinik, der Akademie für traditionelle chinesische Medizin, wird diese Methode gründlich erforscht. Es besteht auch eine Zusammenarbeit mit der Chi-Gong-Rehabilitationsklinik der Provinz Hebei, in Beidaihe. Ärzte, Chemiker, Physiker und Biologen versuchen, die Geheimnisse zu ergründen. Dadurch erlebt diese Gesundheitsmethode in China gewissermassen eine Renaissance, nachdem sie während der "Kulturrevolution" mit der damit verbundenen Zerstörung überlieferter Werte verboten war.

Speziell Interessierte seien auf die Kung-Fu-Romane, insbesondere jene von Jin Yong, hingewiesen, worin das daoistische Chi Gong als Atemübung zur Stärkung innerer Kräfte häufig ausführlich beschrieben wird; denn das Chi Gong ist eine Voraussetzung für die Kunst und den Erfolg der Kung-Fu-Meister, deren Kraft dadurch unendlich wird... Sie erreichen höhere Sphären und sind von Schmerzgefühlen befreit. Darin kann für unbedarfte Anwender aber auch eine Gefahr liegen, ebenso wenn die Technik auf höchster Stufe für Telepathie und Hypnose eingesetzt wird und den Menschen eine Märchenwelt der Illusionen eröffnet. Vielleicht liegt hier das Geheimnis der Kung-Fu-Romane, ähnlich wie bei Harry Potter: Die Flucht aus dem rauen, oft trostlosen Alltag der technisierten Zivilisation.

Walter Hess

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[1] Das Ch klingt im Chinesischen wie Tsch, etwa bei Tschau, Tschüss, Dschungel. – Die alte Schreibweise von Chi ist Ch'i.

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