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     14. Dezember 2018, 16:08 Uhr
 


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Wäre ich ...

Einige Gedichte von Manfred Schröder

 

Der Kajütenjunge

Die Nacht hängt schwarz im Hafen;
die Schiffe haben kaum Gesicht.
Maat und Kapitän, sie schlafen;
nur der Kajütenjunge nicht.

Ihn treiben die Gedanken;
das Schiff, es schaukelt sacht.
Er würd’ dem Himmel danken:
Ein Mädchen für die Nacht.

Die Nacht hängt schwarz im Hafen;
dem Jungen sind die Augen schwer.
Bald ist er eingeschlafen;
es weht ein kalter Wind vom Meer.

 

Glück muss man haben

Glück muss man haben.
Besonders im Krieg.
Dort bin ich
nicht gefallen;
nur hingefallen
und habe mir
den Arm gebrochen.
Als das Lazarett
mich entliess,
war der Krieg
schon zu Ende.

 

Heiligabend

Park und Strassen;
still, verlassen.
Jeder ist
bei sich zu Haus.
Ein Trinker irret
durch die Gassen;
findet nicht mehr
ein, noch aus.

Schon schlägt er
an den fremden Türen:
Ach, mein Liebling,
lass’ mich rein.
Hunde knurren,
Menschen murren.
– Geh bloss fort;
lass’ uns allein.

Und er irret
trunken weiter;
und der Schnee,
er rieselt sacht.
Bald begräbt er
unsren Trinker,
in der stillen,
heilgen Nacht.

 

Um die Morgenstunde

Um die Morgenstund,
als die Nacht entfloh,
erhob sich auch die Runde,
angeheitert, froh.

Noch ein helles Blöken;
noch ein sanftes Muh.
Dann strebte jeder selig,
seinem Stalle zu.

 

Unter attischem Mond

Im Haine
irrt umher
Cassandra.
Orfeus
lauscht entrückt
dem eigenen Gesange.
Am Gestade
kniet Narziss
und schaut verliebt
sein lächelnd Angesicht.
Am Horizont
ein Schiff.
Odysseus
kehret heim.

 

François Villon 1

Der kleine Henker
ist mein Freund.
Bald wird er auch
mein Schicksal sein.
Oft sitzen wir
am selben Tische
und stossen an,
auf saurem Wein.
Durch das kleine,
schiefe Fenster,
seh’ ich auf dem Hügel,
sieben Galgen stehn,
an dem,
wie traurige Gespenster,
sieben Gesellen
im Winde wehn.
Der Kleine Henker lächelt;
auch der Wirt
schaut lustig drein.
Und ihre Augen sagen:
„ Bald wirst du
der nächste sein!“

 

François Villon 2

Der Mond
ist aufgegangen.
Drei Gesellen
sind gehangen,
in seinem
milden Licht.

Der Tod
steht schwarz
und schweiget.
Und der Teufel
geiget,
unterm Hochgericht.

 

Es tagt

Noch steht
die Nacht
wie ein grosses,
dunkles Tier.
Doch schau:
Am Horizont
ein fahles Licht.
Ein hohes Tor,
das sich
langsam öffnet.
Es tagt.

 

Die Verleugnung

Dreimal
verleugnete die Henne:
„Dieses Ei,
kenne ich nicht!“
Dreimal
krähte der Hahn!

 

Der Herr hat Erbarmen

Sein Mund, war nie geschlossen;
er redete von Flöhen bis zur hohen Politik.
Sein Senf glänzte auf fast allen Würstchen;
und manchmal tat ers mit Geschick.

Und all die andren Münder;
zum Himmel sprachen sie:
„Oh, Herr, hab Erbarmen;
von alleine endet dieses nie.“

Und der Herr im hohen Himmel,
verstand wohl ihre Not.
Und mit einem Lächeln,
Einhalt er gebot.

Und der Mann im schnellen Worte;
tot fiel er plötzlich um.
Und war zum ersten Male;
zum ersten Male stumm.

 

Da-Da

Dort,
wo in toch
und hief,
Sott und
Gatan thronen;
und schwarz
und schweisse
Engel wohnen.
da gibts bei
dieser Schreibensweise,
auch nur Pöll
und Haradeise.

 

Einige WÄRE ICH ...

An die Geliebte:
Wäre ich dein Büstenhalter; du hättest es nicht so schwer.

An den Verleger:
Wäre ich ein Hund; du wärest mein Lieblingsbaum.

An Goethe:
Wäre ich Mephisto; ich würde mir eins ins Fäustchen lachen.

An Odysseus:
Wäre ich Penelope gewesen; ich hätte dich mit dem Mattenklopfer empfangen;
wegen jahrelangen Herumtreibens.

Schüler an Socrates:
Wäre ich so wie du; ich bräuchte nichts zu wissen.

An die schöne Gärtnerin:
Wäre ich eine Wolke; ich schickte dir hin und wieder feuchte Grüsse.

An die Jägerin:
Wäre ich ein Wildschwein; du solltest meine Diana sein.

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