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     14. Dezember 2018, 15:26 Uhr
 


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Wie Chemie- und Lebensmittel-Industrie die Genschutz-Initiative bekämpften

Vertreter aller bürgerlichen Parteien bekämpften damals gemeinsam in einem politischen Komitee die schweizerische Volksinitiative zum Schutz von Leben und Umwelt vor Genmanipulation (Genschutz-Initiative), die am 7. 6. 1998 vom Volk abgelehnt wurde. Hauptakteure in diesen Abstimmungskämpfen waren aber nicht die bürgerlichen Parteien, sondern die Chemie- und Lebensmittelindustrie. Sie agierten aus dem Hintergrund und griffen dabei zu unkonventionellen Mitteln.

Da gab es beispielsweise einen poppig aufgemachten Comic zum Thema Gentechnologie, der an alle Berufsschulen ging. Titel: „Eine kleine Reise durch die Biotechnologie.“ Die Hauptfigur war ein kleiner Knabe, der seinen Eltern die Welt der Gentechniker erklärte und sagte, dass er selbst einer werden möchte. Tenor des Comics: Die Biotechnologie ermöglicht uns einen schönen Traum. Könnte man nicht auf einen Streich Krankheiten heilen, die Menschheit ernähren und die Umwelt besser schützen? Schöne Träume für junge Leute, die zum Teil schon an die Urne gehen konnten.

Damit auch die Unterrichtenden etwas davon hatten, gab es neben dem Comic speziell für den Hellraum-Projektor präparierte Folien. Der Comic war eine Koproduktion zwischen Industrie und Chemie und Nationalfonds, der für die Wissenschaftsförderung zuständig ist und aus Bundesgeldern finanziert wird. Dass Wissenschaft und Industrie in der Gentechfrage gut zusammenspielten, zeigte sich auch anderweitig. So benützte der Nationalfonds sein Forschungsmagazin Horizonte, das ebenfalls vom Staat finanziert wird, für ein Votum gegen die Genschutz-Initiative: Eine Annahme dieser Initiative würde die Ausbildung in Forschung und Medizin im Bereich Biotechnologie verunmöglichen und hätte auch negative Auswirkungen auf die Industrie.

Zur unauffälligen Seite der Kampagne gehörte die Wortwahl. Ob im Comicstrip oder im wissenschaftlichen Magazin, die Rede war meist von der „Biotechnologie“. Denn Gentechnologie war inzwischen ein Reizwort geworden. Als die Swissair damals mit einer neuen Bordkost warb und diese mit dem Etikett „frei von Genmanipulation“ anpries, haben Novartis und Nestlé interveniert mit dem Resultat, dass die Swissair Tausende von Menukarten einstampfte. Das war aber eine der wenigen Interventionen der Industrie. Lebensmittel-Multis und Chemie liessen sich in diesem Abstimmungskampf vertreten, beispielsweise durch die Organisation GenSuisse, wo Wissenschaftler und Politiker gemeinsam für die Gentechnologie einstanden. Es handelte sich um eine von der Basler Chemie finanzierte Organisation, deren Auftrag darin bestand, die Basler Chemie im Abstimmungskampf zu unterstützen. Dazu gehörte auch, dafür zu sorgen, dass die Medien die richtigen Worte fanden. Gensuisse stellte für die schreibende Zunft ein Vokabular passender Ausdrücke zusammen. Die Stiftung Gensuisse war der Berner PR-Firma Jäggi Communications angegliedert, die zum US-PR-Konzern Burson Marsteller gehört. Der PR-Konzern entwickelte eine Kommunikationsstrategie, um der Gentechnologie weltweit zum Durchbruch zu verhelfen. Zitat aus dem internen
Strategiepapier: „In Sachen Kommunikation ist die öffentliche Auseinandersetzung um Umwelt und Gesundheit für die europäische Biotech-Industrien ein absolut hoch explosives Minenfeld. Es besteht die allgemeine Regel, dass die Stimme der Wirtschaft in der öffentlichen Auseinandersetzung mit ihren Gegnern kaum obsiegen kann.“

Dieses Rezept wurde im schweizerischen Abstimmungskampf befolgt. Nicht die Industrie, sondern stellvertretende Institutionen und Personen sollten mit den richtigen Worten im richtigen Ton ein grosses Publikum finden. So kam es, dass der Nobelpreisträger Rolf Zinkernagel nicht mehr nur in Fachzeitschriften publizierte, sondern auch im „Blick“: „Eine überraschende Therapie bringt Krebskranken neue Hoffnung. Mutierte Erkältungsviren sollen als Killer Tumoren zerstören. Gen- und Krebsforscher des kalifornischen Pharmakonzerns Onynx haben jetzt diese Erreger zu Tumorkillern mutiert.“ (Anmerkung von Lislott Pfaff: Soviel ich weiss, hört man heute nichts mehr von dieser Wunderwaffe gegen Krebs.)

Andere Akteure, die stellvertretend für die Chemie- und Lebensmittelindustrie gegen die Genschutz-Initiative „weibelten“, waren die Wirtschaftsförderung und die Interpharma, der Verband der forschenden Pharmaindustrie, ein Instrument der Basler Chemie. Auch hier zog man alle Register. So gehörte der Informationsbeauftragte der Interpharma, notabene als Privatmann getarnt, zu den fleissigsten Leserbrief-Schreibern gegen die Genschutz-Initiative.

(Quelle: Radio DRS, Ende Jan. 1998)

Lislott Pfaff

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