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     17. Dezember 2018, 01:26 Uhr
 


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Prominenz im Bad

Autor: Heinz Scholz, Schopfheim D

Schlankheitswahn der Kaiserin
Eugénie von Frankreich und Elisabeth von Österreich galten in ihrer Zeit als die schönsten Frauen. Elisabeth von Österreich wog nur 90 Pfund. Sie tat alles, um ihre schlanke Linie zu bewahren. Eine „Wespentaille“ war damals ein Schönheitsideal. Die Kaiserin achtete peinlich genau darauf, was sie ass. Ihr Essen wurde rationiert und gewogen. Auch litt sie unter einem Bewegungswahn. Während ihres Aufenthaltes in Baden-Baden machte sie 6 1/2-stündige Eilmärsche. Sie hatte keine Zeit, sich an der wunderschönen Landschaft zu erfreuen. Sie hetzte von Ziel zu Ziel. Ihr Leben war eine „einzige Orgie der Bewegung“. Als sie 1883 wiederum in der Kurstadt weilte, ritt und wanderte sie stundenlang, machte Gymnastik und frönte dem Fechtsport. Damit noch nicht genug: Sie liess jeden Morgen 4 Pfund Fleisch auspressen. Den Saft trank sie zum Frühstück. Am Abend liess sie sich mit Binden einwickeln. Die Binden wurden um die Brust, den Unterkörper bis zum Knie gewickelt. Sie wollte unbedingt die Ausdehnung ihres Körpers vermeiden. Einmal in der Woche wurde ihr Haar mit 20 Eidottern gewaschen. Die Rastlose hatte kaum Zeit für Audienzen. Wenn sie einmal eine solche gewährte, machte sie einen unkonzentrierten Eindruck und antwortete auf Fragen mit Ja oder Nein.

Heute würde man sagen, die arme Frau litt unter einem Vitamin- und Mineralstoffmangel.

Bakterienwahn der Miss Cromwell
Miss Cromwell, die letzte ihres berühmten Geschlechts, tauchte auch in Baden-Baden auf. Sie litt unter einem Bakterienwahn. In ihr Zimmer durften keine Blumen gebracht werden, sie packte niemals ihre Koffer aus. Sie hatte furchtbare Angst, Bedienstete könnten ihre Kleider berühren und Bazillen übertragen. Wenn sie zu Tische sass, durften keine weiteren Gäste im Raum sein; der Kellner musste die Speisen wortlos reichen. Das Besteck reinigte sie jedesmal mit Fachinger. Salat und frisches Gemüse ass sie nicht, denn diese waren schliesslich, so ihre Ansicht, mit Bakterien verseucht. Sie ass nur heisses Kompott. Nach jedem Händedruck wusch sie sich ihre Hände. Die Wildunger Helenenquelle hatte sie zu ihrem Lebenselexier erkoren. Wurde ihr das Wasser nicht vorgesetzt, reiste sie sofort ab. Jeden Tag liess sie sich von einem Chauffeur in die nahen Wälder fahren, blieb dort 2 Stunden, ohne auszusteigen, und las ihre Zeitung. Der Chauffeur durfte kein Wort sprechen. Erst nach 2 Stunden durfte er sich räuspern und die Frau ins Hotel zurückfahren.

Auch eine dicke, holländische Baronin litt unter Bazillenwahn. Bevor sie ihre Zimmer in Beschlag nahm, mussten diese mit Chloroform desinfiziert, Türklinken, Fenstergriffe und alle Metalle mit Desinfektionsmittel getränkten Tüchern umwickelt werden. Ein in ihrer Begleitung befindlicher Kretin erhielt nur keimfreie Kindermilch. Sie weilte nur 2 Tage, brachte aber das ganze Hotel durcheinander.

Geheimrat Reger
Als Max Reger (1893–1916) in Baden-Baden ein Konzert gab und während der Pause zwischen Musikdirektor und Kapellmeister im Kurgarten herumlief, kam ein Saaldiener und überreichte dem berühmten Komponisten ein Telegramm. In diesem stand die Ernennung zum Geheimrat. Die Beiden meinten, nun hätte er alles erreicht.

„Nein, noch nicht alles“, meinte Reger, „eins möcht’ ich noch werden: Ökonomierat!“
„Warum Ökonomierat?“, fragten die Begleiter erstaunt.
„Schaun’s, i hab’ doch soviel Mist zusammengeschrieben!“

Quelle der letzten drei Episoden: Heinrich Berl „Ergötzliche Geschichten aus Alt-Baden“, Verlag Dr. Willy Schmidt, Baden-Baden, 1966.

Das Baden-Badener Wasser
Marquise de Sévigné (1626–1696) über das Baden-Badener Wasser: „Ich habe also heute morgen, meine Liebste, Brunnen getrunken; oh wie ist der abscheulich! (...) Um 6 Uhr geht man zum Sprudel: alles findet sich dort ein, man trinkt, man macht ein entsetzliches Gesicht. Dann stellen Sie sich vor: Er ist kochend und hat einen sehr unangenehmen Salpetergeschmack. Man dreht um, man geht hin, man geht her, man geht spazieren, man hört die Messe, man gibt den Brunnen wieder von sich, man spricht vertraulich über die Art, wie man ihn von sich gibt; bis Mittag ist und nur davon die Rede.“

Dostojewskij verlor alles
Wolfgang A. Peters erwähnt über seinen Bericht (1984) über die Baden-Badener und die Dichter auch den Erzrussen und Panslawisten Fjodor Michailowitsch Dostojewskij (1821–1881), der 1867 in der Kurstadt seiner Spielleidenschaft frönte und alles verlor. Er versetzte sogar den Schmuck seiner 2. Frau und seinen Paletot (doppelreihiger Herrenmantel).

Die Baden-Badener und Wiesbadener Spielbankerlebnisse flossen in den Roman „Der Spieler“ (1868) ein.

„Die Garstica“
Der Salon der Madame Viardot mit ihren berühmten Martineen im Baden-Badener Tiergartenviertel war Treffpunkt berühmter Persönlichkeiten wie Gustave Flaubert, Theodor Storm, Johannes Brahms, Clara Schumann, Anton Rubinstein, Richard Wagner, Bismarck, die Kaisserin Eugéne, die Königin von Holland und die Herzogin von Hamilton. Wegen ihrer Hässlichkeit nannten die Baden-Badener Pauline Viardot „die Garstica“. Sie machte das Aussehen jedoch durch ihren Geist, Charme und Künstlertum wett. Richard Wagner war es übrigens auch, der der Stadt die Festspiele anbot. Bayreuth machte jedoch später das Rennen (nach Wolfgang A. Peters).

Quelle der letzten drei Episoden: Zitiert in „Städte in alter Zeit“, herausgegeben von Bernhard und Margrit Zeller, J.B. Metzlersche Verlagsbuchhandlung, Stuttgart 1989.

Grossherzogin Luise in Badenweiler
Die Grossherzogin Luise blieb auch nach dem Tode ihres Gatten im Jahre 1907 Badenweiler eng verbunden. So besuchte sie auch während des Ersten Weltkriegs die im Kurort eingerichteten Lazarette. Eine heitere Episode aus jener Zeit ist überliefert worden. Als sie einen badischen Infanteristen fragte, wo er denn verwundet worden sei, antwortete er in seinem Heimatdialekt: „Am Oarsch, Königliche Hoheit“. Die Begleitpersonen waren geschockt. Ein Flügeladjutant hatte jedoch die rettende Idee. Er meinte zur Grossherzogin gewandt: „Königliche Hoheit, das ist ein kleiner Ort in Frankreich“.

Tschechow in Badenweiler
Anton Pawlowitsch Tschechow (1860–1904), russischer Erzähler und Dramatiker, kam schwerkrank 1904 nach Badenweiler. An einen Freund in Russland schrieb er: „Es hat den Anschein, dass ich mich auf dem Wege der Besserung befinde. Meine Lungenerweiterung gibt mir nur nicht die Möglichkeit, mich richtig zu bewegen. Aber, die Deutschen seien dafür bedankt, sie lehrten mich, wie und was man essen soll. Leide ich doch seit meinem 20. Lebensjahr tagtäglich an Darmstörungen! Ach, diese Deutschen! Wie pünktlich sie sind (mit sehr seltenen Ausnahmen)! Die Deutschen haben mir verboten, Kaffee zu trinken, den ich so liebe. Sie verlangen, dass ich Wein trinke, von dem ich mich schon lange entwöhnt habe. Nirgends habe ich noch so gutes Brot gegessen wie bei den Deutschen. Und sie füttern einen ungewöhnlich gut.“

In weiteren Briefen schreibt er, „Badenweiler ist ein schönes Örtchen, warm, bequem zu wohnen und billig“, auch wäre er mit dem Arzt sehr zufrieden. Dann beklagt er sich, die Deutschen hätten seine ganze Ernährung umgestellt, er müsse Erdbeertee für einen guten Schlaf und am Morgen Eichelkaffee trinken und „grosse Mengen an Butter“ und Haferbrei essen.

Nach Besserungen seines Zustandes – die Ärzte hatten ihm vor Kurantritt nur noch 4 bis 6 Wochen gegeben – starb er um 3 Uhr nachts im Beisein seiner Frau und seiner Tochter am 15. Juli 1904 in Badenweiler.

Nehru in Badenweiler
Die schwerkranke Kamala Nehru, die Frau von Pandit Nehru (1889–1964), weilte 1935 in Badenweiler zur Kur. Sie kam ohne ihren Mann, der als Führer des Unabhängigkeitskampfs und Anhänger Gandhis von den Engländern inhaftiert worden war. Aber sie war nicht allein. Just zu diesem Zeitpunkt hielt sich ihre Tochter Indira in einem Pensionat in Lausanne auf. Indira besuchte ihre Mutter regelmässig. Die Frauen wohnten zuerst im Sanatorium „Waldeck“ (heute „Haus am Wald“), später im Fremdenheim Ehrhardt. Nach seiner Entlassung, am 4. September 1935, reiste Pandit Nehru sofort zu seiner im kritischen Zustand befindlichen Frau. Hier traf er nach einer abenteuerlichen Reise am 9. November ein. Er besuchte regelmässig seine Frau, hatte aber Zeit, Spaziergänge in der Umgebung des Kurortes zu unternehmen. Die Politik liess ihn jedoch nicht los. Er sandte Nachrichten in sein Land, gab Anweisungen und baute Verbindungen aller Art aus. Im Januar kam eine überraschende Nachricht nach Badenweiler. Er wurde zum Präsidenten des Indischen Nationalkongresses gewählt. Er reiste mit seiner Frau noch im Januar nach Lausanne. Es sollte die letzte gemeinsame Reise gewesen sein, denn dort starb Kamala wenige Wochen später. 1947 kam Nehru erneut in Haft. Bald darauf wurde er Indiens erster Ministerpräsident. Er vertrat eine Neutralitätspolitik zwischen Ost und West. Nach dem Tod von Nehru wurde seine Tochter Indira (Gandhi) 1966 Ministerpräsidentin. 1984 folge ihr tragisches Ende. Sie wurde am 31.10.1984 ermordet.

Heuss in Badenweiler
Als sich die Silbergrube Hausbaden in der Nähe von Badenweiler nicht mehr rentierte, wurden die Stollen verschlossen und ein Fremdenheim gleichen Namens errichtet. Hier war auch der spätere Napoleon III. zu Gast. Nach mehreren Umbauten zum Luxushotel folgten weitere Prominente, wie die Königin und Königinmutter von Holland (1899), die Kaiserin Augusta Viktoria (1902), Prinz Joachim von Preussen (1913).

1920 übernahm der Deutsche Caritasverband Hausbaden. Danach kurten Reichskanzler Brüning (1930 und 1932) und weitere Prominente aus Politik, Wirtschaft, Kultur und Kirche. Auch Theodor Heuss und seine Gemahlin Elly Heuss-Knapp fühlten sich hier wohl. Auch als Witwer kam der Bundespräsident hierher. Dazu Gustav Faber: „Von anderen Staatsoberhäuptern unterschied sich Heuss durch Ungezwungenheit und schlichte Bürgerlichkeit. Auch Adenauer und Lübke wollten in Hausbaden kuren – doch weder für die erwünschte Repräsentation noch die Sicherheitsvorkehrungen gab es die erforderliche Zimmerflucht. Heuss begnügte sich für seinen persönlichen Gebrauch mit einem Zimmer.“

Manchmal entzog er sich der Bewachung durch die Polizisten. Als er einmal von einem Spaziergang zurückkam, meinte er zu einem Beschützer: „Lasst doch die Menschen näher kommen, sie machen mir nichts. Es fehlt nur noch, dass sie rufen: Wir wollen unsern Führer sehen!“

Auch diese Geschichte erzählte man sich in Hausbaden: Als er sich einmal in Bonn unabhängig von 3 Ärzten untersuchen liess und jedes Mal die Erlaubnis bekam, nur 2 Zigarren täglich zu rauchen, meinte der Bundespräsident, nun könne er getrost täglich 6 Zigarren rauchen, von jedem Arzt 2. Auch in Hausbaden bekam er Rauchverbot. Darauf hin erhielt der beliebte Präsident jede Menge Schnupftabak zugesandt. Bei einem anderen Kuraufenthalt wurde ihm das Rauchen in Massen wieder gestattet. Daraufhin schickte er eine Postkarte an seinen Bonner Arzt Dr. Martini. Auf einer Briefmarke mit dem Portrait des Präsidenten malte er eine rauchende Zigarre.

Quelle der letzten vier Episoden:„Badenweiler – Ein Stück Italien auf deutschem Grund“ von Gustav Faber, Verlag Karl Schillinger Freiburg im Breisgau 1975.

The Lords in Bad Waldsee
Im Juli 1970 trat die bekannte Beatgruppe „The Lords” in der Stadthalle von Bad Waldsee auf. Für einen Berichterstatter war der Lärm ungewöhnlich, auf der Bühne sah er „Zwillingsgeschütze“ und meinte die überdimensionierten Lautsprecherboxen. „Die 9 in Stellung gebrachten Phongeschütze feuern eine Breitseite auf das Publikum. Das reisst wirklich mit. Das wirkt wie eine Lautdroge. Ein elektronischer Jauler schiesst quer durch das Tal. Die Sologitarre jagt mit einer Maschinengewehrgarbe den Wehrlosen durch die Schlacht, das Schlagzeug feuert volle Salve“, so das Kriegsvokabular des Schreibers. Das Ende des Konzerts beschreibt er so: „Um 22.30 Uhr stellen die Notenschleudern das Manöver abrupt ein.“

„Bild“ übertreibt den Besuch von Lothar Späth
Ende Juli 1983 besuchte der damalige Ministerpräsident von Baden-Württemberg Lothar Späth das Strandbad in Bad Waldsee im Rahmen der Aktion „Urlauberattraktionen in der Saison 83“ von 5 Ferienorten in Baden-Württemberg. „Bild“ berichtete, in Bad Waldsee hätten sich 4000 Urlauber eingefunden, um den Ministerpräsidenten bei 40 Grad im Schatten zu sehen. Bei grosszügiger Zählung waren es jedoch höchstens 300 Badegäste, die sich um den hohen Herrn scharten. Die anderen Gäste nahmen von Lothar Späth keine Notiz. Auch scheint der Ministerpräsident keinen allzu grossen Eindruck hinterlassen zu haben, denn am nächsten Tag sorgten 4 Oben-ohne-Badende im Freibad für Gesprächsstoff (und wohl auch für mehr Zuschauer). Keine Rede von unserem Ministerpräsidenten.

Quelle der letzten beiden Episoden: „Das waren Zeiten, Zeitungsgeschichten 1833–1983“ von Günther Kiemel im Band „Bad Waldsee – Zeugnisse aus Zeit und Zeitung“, Liebel-Druck & Verlag, Bad Waldsee 1984.

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