Startseite 
Kontakt  °  Inhaltsübersicht  
Seite weiterempfehlen
     19. Dezember 2018, 08:51 Uhr
 


Schlossportal
 Kundeneingang

 
 

Die Ukraine im Vakuum

Ein Reisebericht über eine private Exkursion im Herbst 1994. Von Walter Hess


Den Traditionen treu geblieben: Kosake, Leiter eines Folkloretrupps [Fotos: Walter Hess]

Die Anhänger des Kybernetikwissenschafters Juri Kriwogonow verkauften in Kiew ihre ganze Habe und stellten den Erlös im Hinblick auf den Weltuntergang vom 24. November 1994 dem Guru zur Verfügung. Der Weltuntergang blieb aus, wie sich inzwischen herumgesprochen hat; aber immerhin ist das Geld weg. Auf dem Künstlermarkt der Hafenstadt Odessa am Schwarzen Meer wippten bis auf ein Haarschwänzchen kahlgeschorene, liebenswürdige Krischna-Jünger im safrangelben Ordensgewand und leierten ihr gehirnwaschendes Hare-Hare-Hare-Krischna-Mantra herunter. Eine ver­zückte ältere Dame wippte stundenlang im Rhythmus mit.

Sektenwesen und Religionsmarkt blühen in Osteuropa. Man darf dort auch wieder in die Kirchen, in die orthodoxen, wo man Gottesdienste in byzantinischem Ritus feiert, in die katholischen, protestantischen usw., ohne die Anstellung zu verlieren. Eine Ukrainerin erzählte mir, wer früher an Ostern nur schon in der Nähe einer Kirche gesehen worden sei, habe am Montag darauf nicht zur Arbeit antreten können. Die betreffende Person wurde gleich heimgeschickt. Jetzt sind die Sitten rundum lockerer. Ein rechtsradikaler Kampfverband trainiert für den Krieg. Und die Mafia ist präsent. Sie arbeitet oft mit alten Parteibossen zusammen, welche Schlüsselpositionen in der Wirtschaft und zum Teil noch immer auch in der Politik innehaben.

Auch das Bankgeschäft lief eine Zeitlang nach westlichem Vorbild gut. Aktien von Unternehmen, wahrscheinlich von Ruinen, wurden masslos in die Höhe getrieben, bis die Seifenblasen platzten und die Sparer ihr Papiergeld verloren hatten. Die Produktion im industrialisierten Agrarland hinter den Karpaten (Bergbau, z. B. Kohle im Donbass-Gebiet, und Montanindustrie) ist weitgehend zusammengebrochen. Und dennoch setzt der Handel langsam ein: Auf dem Markt in Krementschug, einer grauen, tristen Industriestadt mit kaum unterhaltener stalinistischer Trivialarchitektur, verkaufte ein Geschäftstüchtiger auf der Ladebrücke eines ausrangierten Militärfahrzeugs Plastiktragtaschen; eine Kolonne von Käufern bemühte sich um diese Zivilisationswunder. Im Hafen von Odessa wurde eine Nacht lang Plunder aus einem Frachtschiff aus Istanbul gelöscht.


Die Beziehungen sind immer noch vorhanden: Denkmal aus rostfreiem Stahl in Kiew symbolisiert die russisch-ukrainische Freundschaft

Die Ankunft der Freiheit
Seit dem Zerfall des Sowjetreiches ist auch in der Ukraine die grosse Freiheit ausgebrochen, nachdem diese einstige Unionsrepublik im Dezember 1991 das russische Reich abgeschüttelt hatte, dessen Bestandteil sie während 350 Jahren gewesen war. Zuvor hatten mongolische Eroberer, die Tataren, während 300 Jahren Angst und Schrecken verbreitet und den russischen Charakter der Schicksalsergebenheit und Bedürfnislosigkeit geprägt. Und Zaren führten die tatarische Willkür fort.

Ihrer Bedeutung als Brotkorb und Rohstofflieferantin fürs Sowjetreich wegen war die Ukraine brutaler noch als die anderen Republiken unterjocht und ausgebeutet worden, vor allem unter Stalin, der laut dem britischen Historiker Robert Conquest nach der 1929 herbeigeführten Zwangskollektivierung einen grausamen Holocaust inszenierte; vor allem Gebildete wurden ermordet. W. I. Lenin seinerseits hatte die Bedeutung der Ukraine ebenfalls erkannt: „Wenn wir die Ukraine verlieren, verlieren wir unseren Kopf“ (1918).

Die lebensbedrohende Energiefrage
Die Trennung, wie sie vor wenigen Jahren dennoch zustande kam, war allerdings unvollkommen: Die Ukraine kann sich den Kauf von Erdöl auf dem Weltmarkt nicht leisten und ist noch stark von Energielieferungen aus Russland abhängig, vor allem von Erdgas. Das Kernkraftwerk Tschernobyl, soweit es nicht zerstört und eingesargt ist, läuft deshalb weiter (2 von 4 Blöcken; die Turbine eines Blocks ist durch ein nicht-nukleares Feuer vollständig unbrauchbar gemacht worden). Weiterhin in Betrieb bleiben die übrigen veralteten Atomkraftwerke überall in der ehemaligen Sowjetunion – „Bomben, die vor­übergehend Strom produzieren“, wie die Kernkraftwerke vom Typ RBMK selbst von einheimischen Fachleuten genannt werden. Diese mangelhaft gebauten und inkompetent betriebenen Anlagen bedrohen die Welt.

Alte Kosaken-Kultur
In einem Bereich ist der Verzicht auf eine Überwachung aber angenehm: im Alltag. Das ist ein Aspekt der Freiheit. Was ist das eigentlich, Freiheit? Gesetzlosigkeit? Am ehesten wissen das vielleicht die ukrainischen Kosaken, diese wodkaresistenten, kampftauglichen Nachfahren jener ehemaligen freien Wehrbauern, die keinem Gutsbesitzer dienten. Aber sie existieren nur noch als Folkloretrupps, zum Beispiel in den Gebieten Saporoshje und Cherson, wo sie erstaunliche Reiterkunststücke vorführen. Ihre Welt ist die gestrige. Man konnte sie nicht besiegen − aber ausrotten, das Schicksal von allen Minderheiten, die sich dem kollektiven Verhalten zu entziehen versuchen. Das war schon vor der Globalisierung so.

Es gibt in der heutigen Ukraine noch fast keine Gesetze, soweit nicht alte Sitten beibehalten worden sind. Die Situation ist wie nach dem Abzug der Kolonialmächte in Afrika: die herkömmlichen, während Jahrhunderten gewachsenen Strukturen sind zerstört, und eine neue, an die geographischen Besonderheiten angepasste Kultur sowie eine nationale Identität kann nicht aus dem Boden gestampft werden. Die Industrieunternehmen sind noch nicht privatisiert. In den Ämtern regieren weitgehend diejenigen, die schon bisher das Sagen hatten. Es ist nur ein langsamer Übergang zum freien Markt vorgesehen, keine Schocktherapie. Ein Gesetz zur Landreform ist übermässig kompliziert ausgefallen. Es ermöglicht den Besitz winziger Landparzellen und unterbindet den freien Bodenhandel.


Die Zivilisation bricht herein: Plastiktaschenverkauf in Nowaija Kachovka

Bezahlen mit Bonbonpapierchen
Als Geld zirkuliert in der Ukraine eine Übergangswährung namens „Kupon“ oder „Karbowanez“; die Einheimischen sprechen von „Fantiki“ (Bonbonpapierchen). Diese Währung wurde Anfang 1992 als gezielte Provokation Russlands zum Kurs von 1:1 zum Rubel eingeführt und ist heute wenig wert. Im August 1994 gab es 40 000 Kupon für 1 US-Dollar, und das war noch ein relativ schlechter Kurs. Meistens sieht man bei dieser Hyperinflation harte Währungen lieber, zu denen auch beinahe der Rubel gehört. Meistens rechnet man in Dollar. In staatlichen Läden muss man allerdings wechseln und mit Kupon bezahlen. Ich tauschte 5 US-Dollar und erhielt dafür 200 000 Kupon. Davon kaufte ich 1 Liter Wodka zur Desinfektion meines Innenlebens und als Präventivmassnahme gegen Magenprobleme. Das Wort „Umweltschutz“ ist in der ukrainischen Sprache unbekannt − mit all den Folgen, die besonders am Zustand der Gewässer abzulesen sind. Zwar gibt es Vorschriften, welche die Fabriken zum Betrieb von Kläranlagen anhalten. Aber es ist billiger, keine Kläranlage zu bauen und stattdessen die Busse zu bezahlen.

Nach diesem Kauf hatte ich noch 80 000 Kupon. Damit erwarb ich mir Mineralwasser in 2 zerkratzten Flaschen mit kaum noch leserlichen Etiketten. Ich gab der Dame am Kiosk beim Hafen von Odessa 50 000 Kupon. Sie gab mir Schein um Schein zurück, bis ich sagte, sie möge jetzt bitte damit aufhören. Sie verstand die Welt nicht mehr und hörte mit dem Auszählen des Wechselgeldes auf. Die Papierfetzen und ein paar Dollar dazu verschenkte ich an einen Mann mit lahmen Beinen, der sich mit 2 kleinen krückenähnlichen Holzdreiecken über den Asphalt schleppte, zufrieden dreinschaute und nicht bettelte.


Erinnerungen an damals: Ukrainerinnen in einem Fischerdorf bei Cherson

Stürmische Küsse
Am Rande des Fischerdorfes auf einer kleinen Insel bei Cherson fotografierte ich Schilfbestände und die Seltenheit individuell gebauter Häuschen mit Gärtchen. (Wenige Tage später wurden Agenturmeldungen verbreitet, dass dort, in der Region Saporoshje und auch auf der Krim die Cholera ausgebrochen sei.) Während meines Rundganges rannte eine schmuddelig gekleidete Frau aus ihrem Häuschen auf mich zu, warf sich mir an den Hals, küsste mich stürmisch, wahrscheinlich um die neue sexuelle Freiheit nach westlichem Vorbild zu geniessen, wie sie es sich eben vorgestellt haben mag. Zum Glück beendete ein abgerichteter Hund, der zähnefletschend aus dem Nachbarhaus auf uns zukam, das Idyll, auf dessen Fortgang ich gern verzichten mochte. Der Hund war mir sogleich sympathisch.

Nationale Orientierung
„Für Freiheit und Wohlstand“, heisst die Losung im Land, das aus der sowjetischen Konkursmasse entstanden ist. Was wird aus diesem riesigen Gebiet, das 52 Millionen Einwohner zählt und flächenmässig fast 15-mal grösser als die Schweiz ist, aus dem Wunschtraum nach freier Entfaltung? Die West-Ukraine ist national orientiert, also auf Selbstständigkeit bedacht. Die Ost-Ukraine, wo viele Leute russisch sprechen, wünscht eine stärkere Anbindung an Russland; diesem Landesteil verdankte der Präsident Leonid Kutschma seinen Wahlsieg. Die Krim ihrerseits strebt einen aggressiven prorussischen Kurs und die Autonomie an. Neben den 1650 Atomsprengköpfen und der bereits verpfändeten Schwarzmeerflotte ist diese Halbinsel einer der Zankäpfel zwischen der Ukraine und Russland. Aktenzeichen ungelöst.

Geopolitisch ist die Ukraine ein wichtiger Puffer zwischen Russland und den europäischen Ländern. Es ist wohl nicht abwegig, die Ukraine auch mit einem Pulverfass zu vergleichen. Denn mit ihrem Arsenal von atomaren Sprengköpfen gehört die Ukraine zu den drittgrössten Nuklearmächten der Welt. Und weil es wenig andere einträgliche Geschäfte gibt, wird versucht, wenigstens aus der Abrüstung Kapital zu schlagen und mit radioaktivem Material zu handeln. Internationale Banken haben die Hahnen zugedreht, weil das Geld postwendend auf ausländischen Konti landete, angeblich vor allem in der Schweiz.

Verstrahlte Böden
Im Nachgang zur Katastrophe im Block 4 des Atomkraftwerks Tschernobyl (26. April 1986) wollte kein Mensch Landwirtschafterzeugnisse aus dem ausgesprochenen Agrarland mit seinen hervorragenden Schwarzerdeböden (Tschernosel) kaufen. Weil ein grosser Teil des radioaktiven Innenlebens des Reaktors ins Freie geschleudert wurde, kam es zu einer ausgedehnten massiven Verstrahlung. Die Evakuierung der betroffenen Bevölkerung begann viel zu spät, und damit wurde in dieses wahrhaftig genügend gepeinigte Volk neues, unermessliches Leid eingebracht. Die gelb-blaue Flagge (das Gelb steht für ein Getreidefeld), vorher verbotenes Symbol der Unabhängigkeit, ist für potenzielle Käufer zum Gefahrensignal mit Rotlicht geworden.

Eigene Verstrahlungsmessungen
Wie ist die Verstrahlungslage jetzt, bald 10 Jahre nach dem Gau? Vor meiner Abreise in die Ukraine hatte die Fernsehstation ORF 2 (am 14. 7. 1994) einen dramatischen Bericht ausgestrahlt: „Tschernobyl − die atomare Zeitbombe“. Der Österreichische Rundfunk stellte mir den Text freundlicherweise zur Verfügung. Laut dem Wissenschafter Vladimir Chernousenko, der eine Spezialeinheit zur Bewältigung der Katastrophe leitete, sind 150 000 Kinder an Krebs erkrankt; ein Teil von ihnen ist in Odessa zur Pflege, wie ich an Ort und Stelle erfahren habe. Die Missbildungen bei Mensch und Tier seien krasser als zugegeben werde. Nahrungsmittel und Grundwasser seien extrem belastet, eine unfassbare Katastrophe ohne Zweifel. Die Radioaktivität aus dem Reaktor 4 habe sich nicht allein über Weissrussland und Russland, sondern auch quer durch die Ukraine verbreitet.

Ich setzte mich daraufhin mit Roger Andres, Leiter der Abteilung Strahlenhygiene beim Paul Scherrer Institut in Villigen AG in Verbindung, der im Mai 1993 eine Woche lang in Tschernobyl und dann einige Tage in Kiew war, wo er Messungen vornahm und dasselbe wie die Einheimischen ass. Er hatte bei sich keine nennenswerte Verstrahlung festgestellt, ausgenommen während des Fluges auf 10 000 m Höhe, wo die kosmische Strahlung mit Wucht ins Flugzeug eindringt.

Obschon ich keinen Anlass sah, den Aussagen von Roger Andres zu misstrauen, entschloss ich mich, einen Geigerzähler zu erwerben, um so zu einer eigenen Beurteilung zu kommen, zumal man die Radioaktivität weder sehen, hören noch riechen kann. Ich wählte den amerikanischen Radioaktivitätswarner „Monitor 4“ von der Firma S.E. International in Summertown.

Es war in Anbetracht des Isotopen-Flohmarktes, wie es ihn heute in Russland und der Ukraine geben soll, wahrscheinlich eher problematisch, mit einem nicht deklarierten Geigerzähler in jener Welt herumzureisen. Dort haben, wenn man Presseberichten glauben darf, „windige Händler allerlei Strahlendes im Angebot“ und dort schliessen sich scheints „immer mehr nukleare Zauberlehrlinge dem Hexentanz der primären Kapitalakkumulation an“ (so „Die Zeit“ vom 29. Juli 1994). In der zerfallenen Sowjetunion haben jahrzehntelang Atomreaktoren Plutonium für Bomben oder Strom für Industrie und Prestige erzeugt, und ein wenig von diesem Material aus Atomkraftwerken (in der Ukraine sind 14 Blöcke in Betrieb und 6 im Bau), Anreicherungswerken und Forschungsstätten, schwirrt nun in Schlagzeilen und vielleicht auch im Versteckten tatsächlich herum. Allerdings darf bezweifelt werden, ob es für Plutonium überhaupt einen Markt gibt.

Der britische Atomphysiker John Large verglich die russische Atomindustrie mit einem „tropfenden Teebeutel“. Zudem will die Ukraine, die über eigene Uranvorkommen verfügt, künftig den nuklearen Brennstoff für ihre Kernkraftwerke selbst herstellen. Jedenfalls wäre es bei dieser explosiven Situation kein Leichtes gewesen, eine plausible Erklärung für das Mitführen eines Geigerzählers von sich zu geben, besonders auf ukrainisch ...

Die Einreisekontrollen im Ankunftsraum des Flughafens Kiew, der mich an die ausrangierte Waschküche eines Mehrfamilienhauses erinnerte, waren gründlich, sogar inklusive Gepäckdurchleuchtung, beschränkten sich daneben aber aufs Papier. Zudem hat meine Reisejacke so viele Taschen, dass ich manchmal selber beinahe den Überblick über ihren Inhalt verliere. So hatte ich keinerlei Probleme. Ich konnte anschliessend überall ungestört meine Messungen machen. Dabei bestätigten sich Andres’ Aussagen vollauf. Zu meiner Überraschung waren die Werte in der Ukraine sogar leicht niedriger als in der Schweiz, auch in Kiew, bloss 120 km südlich von Tschernobyl. Ist in der Schweiz eine Strahlenmenge zwischen 100 und 200 nSv/h[1] an der Tagesordnung, waren es von Kiew bis Odessa etwa 50 bis 150 nSv/h. Im Flugzeug hatte ich auf 9600 m Höhe bis 4700 nSv/h gemessen. Eine Mitreisende aus Italien wunderte sich dort oben über mein Spielzeug, dessen rote Lampe so nervös blinkte. Allerdings gibt es laut R. Andres nördlich von Tschernobyl noch grosse Regionen, wo stark erhöhte Strahlenmengen gemessen werden können, die nahe oder sogar über der akzeptierbaren Grenze liegen.

Meiner persönlichen Ansicht nach ist im Übrigen jetzt in der Ukraine, abgesehen vom erwähnten Raum Tschernobyl, nicht die Belastung mit Radioaktivität das Problem, sondern die allgemeine Umweltverschmutzung, die besonders deutlich am Zustand des Dnjeprs, dieses drittlängsten Flusses von Europa, abgelesen werden kann. Von seinen 2200 km Länge habe ich knapp die Hälfte im Mittel- und Unterlauf befahren. Das Fluss­wasser hat viele Farben, vor allem grün und grau, und den etwa 800 Dörfern an seinem Ufer geht das Trinkwasser aus, obschon es an Flüssigkeit nicht mangelt. Dennoch sieht man viele Menschen, vor allem Kinder, in dieser Kloake fröhlich baden.

In Odessa
Wer nach der Einmündung des Dnjeprs ins Schwarze Meer Kurs nach Westen nimmt, erreicht im Meerbusen bald einmal Odessa, die berühmte Stadt mit der 192-stufigen Treppe, die in Eisensteins Film „Panzerkreuzer Potemkin“ eine wichtige Rolle spielte. Von Seuchengefahr und Seelennot ist in dieser ehemals bedeutendsten Hafenstadt des russischen Reiches nur noch wenig zu spüren. Aber das Meer, Auffangbecken für den Abwassercocktail aus Industrie, Landwirtschaft und Haushalten, besteht aus grünbraun getrübtem Wasser, dem Leben, abgesehen von der Ausbreitung von Plankton, Mikroalgen und Quallen, kaum noch anzusehen ist. Das einst fruchtbarste Binnengewässer Europas ist kaputt. Wie der Dnjepr ist es nahe dabei, ein totes Gewässer zu werden. Auch Wasservögel sind eine Rarität. Die Fischerei ist zusammengebrochen. Von den 26 Fischarten, die einst genutzt wurden, sind noch 5 übrig geblieben.

Aber die Stadt Odessa ist farbig. Wenn man noch unter dem Eindruck der erdrückenden Last der Chruschtschew-Architektur steht, wie man ihr überall im Lande begegnete, wirkt hier alles fröhlicher, luftiger, beschwingter, obschon Lenin noch auf dem Sockel thront. Es werden neue Restaurants, Boutiquen und andere Läden eröffnet. Eine Ladenstrasse wird mit einem Glasdach zum Wintergarten gemacht. Die Stadt ist wegen ihrer Kultur (Oper) und ihres Humors berühmt.

Auf dem Sockel steht in Kanev, knapp 100 km südöstlich von Kiew, auch der Nationalpoet und bedeutende Maler Taras Schewtschenko (1814 bis 1861), der wegen der Verbreitung antizaristischer Schriften eine Zeitlang mit einem Schreib- und Malverbot belegt war. Als frühes Waisenkind war er leidensfähig und unglaublich mutig. Mit romantischen und vaterländischen Gedichten hatte er das ukrainische Nationalgefühl gestärkt.

Erstmals seit Jahrhunderten hat dieses Gefühl jetzt eine bescheidene Chance, zu gedeihen. Die gelb-blaue Flagge weht überall und verkündet Selbstbewusstheit. Hoffentlich ist auch das folgende alte, bildhafte ukrainische Sprichwort von der Geschichte überrollt worden: „Wenn die Fahne fliegt, ist der Verstand in der Trompete.“

*

PS: Der Bericht gibt die Zustände im Spätsommer/Herbst 1994 wieder. Er wurde nicht aktualisiert und ist ein Zeitdokument.

Hinweis auf ein Blog zur Ukraine
28.12.2004: „Die Ukrainer sind tatsächlich stark“
www.textatelier.com/index.php?id=996&blognr=80

[1] nSv/h bedeutet Nanosievert pro Stunde. Sievert (Sv) ist die Masseinheit für die Äquivalentdosis, welche die unterschiedliche biologische Wirkung ver­schiedener Strahlenarten berücksichtigt.

*
* *

 
Nach oben  
Alle Blogs
Liste der bisher erschienenen Tagebuchblätter
Blogs nach Autoren
Blogs nach Autoren
Artikel nach Autoren
Wer was geschrieben hat
  Twitter
Wir sind auch auf Twitter, ebenso unsere Gedankensplitter
 
   
  © 2002-2017 Textatelier