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     19. Dezember 2018, 13:32 Uhr
 


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Das Innen-Syndrom

"Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde", liest man/frau gleich zu Beginn des Alten Testamentes; eine Göttin war am Schöpfungsakt offenbar nicht beteiligt. Unter Feministinnen, die ihre Enttäuschung darüber nicht mehr unter Verschluss zu halten vermögen, zirkuliert deshalb die folgende Erkenntnis: "Als Gott den Mann schuf, übte sie nur." Sie vertreten die unumstössliche Auffassung, seit Menschengedenken unterdrücke die eine Hälfte der Erdbevölkerung die andere.

Geradezu als Schock empfanden wir Angehörige des ehemals herrschenden Geschlechts, als 1975 in Verena Sefans Buch "Häutungen" plötzlich das unpersönliche Fürwort frau anstelle des bisherigen man zu lesen war. Unsere verzweifelte Frage: Was wollen Frauen denn überhaupt? Es gibt einen ganzen Film von Nancy Meyer, der dieses Thema umkreist: "Was Frauen wollen." Darin wird Mel Gibson durch wundersame Umstände mit der Fähigkeit ausgestattet, die Gedanken von Frauen lesen zu können. Wir können es noch immer nicht und müssen uns deshalb auf ihre Aussagen und Schriftstücke abstützen: Frauen wollen in männlichen Formen nicht länger mitgemeint werden, sondern sprachlich separat in Erscheinung treten, und sie nehmen auch die mit der Gleichstellung verbundenen Verschlechterungen tapfer hin (bei Höflichkeitsregeln hatten sie alle Vorzüge: Ladys first). Es ging und geht den Feministinnen dabei auch um die Veränderung von gesellschaftlichen Strukturen. Dagegen ist nichts einzuwenden: Frauen sind gleichberechtigt, haben gleiche Pflichten und verdienen es, als gleichwertig betrachtet zu werden; die Gentlemen alter Schule haben gleichwohl noch nicht aufgegeben.

Die aus Moskau stammende, in der Schweiz lebende Journalistin und Germanistin Marina Rumjanzewa schrieb einmal, hierzulande würden die Feministinnen nicht in erster Linie für bessere Lebensbedingungen, was auch ihrer Ansicht nach nötig gewesen wäre, sondern gegen den bösen Mann kämpfen. Sie wurde zur Frauenfeindin, weil sie eine "feministische Demenz" ortete, die alles ausklammere, was nicht ins Konzept passt. Sie hatte die aus dem Russischen stammende Angewohnheit, zu sagen "Ich bin Journalist" oder "Sie ist ein guter Arzt" und verletzte in der Schweiz auf Schritt und Tritt den Kodex der emanzipierten Frau, vor allem weil sie das Suffix -in nicht als essentielle Frauensache erachtete. Sie versuchte, den Unterschied zwischen dem grammatischen und dem natürlichen Geschlecht zu erklären, wie es ihn in allen bekannten Sprachen gibt. Man muss nicht sagen: "Sie ist eine Schätzin" oder "Er ist ein Bestier". Als Sprachwissenschaftlerin wollte sie klar machen, dass das Einbringen von Ideologien in die Sprache weder deklinierbare noch aussprechbare Wortschöpfungen produziert und dass man der Sprache solche Barbareien nicht antun sollte.

Aber mit ihrer Argumentation konnte sie angeblich keine einzige Frau überzeugen; im Gegenteil, sie wurde – aus den feministischen Schützengräben heraus – der Frauenfeindlichkeit verdächtigt. Sie spürte, dass sie für den Feminismus zu dumm sei. Selbst nach biologischen Kriterien gewählte Gremien erschienen ihr absurd.

Sie blieb unter ihren GeschlechtsgenossInnen die Ausnahme. Pflichtschuldig hängten JournalistInnen und RedaktorInnen allen männlichen Ausdrücken ein verstümmelndes Innen an, um mit WortbastardInnen dem Sprachfeminismus Genüge zu tun und um keine AbonnentInnen zu verlieren. Sie wollten in sein und wirkten dadurch bloss lächerlich. Es wäre, als ob die Männer fordern würden, den weiblichen Artikel die, wie er in der Mehrzahl gebräuchlich ist ("die Männer"), durch das männliche der zu ersetzen: "Der Männer haben sich versammelt." Schon bei Wilhelm Busch hatte "Jemand" die "Jemandin" geküsst.

Wer die Auffassung zu vertreten wagte, in der männlichen Form etwa von Lehrer seien selbstverständlich auch alle Lehrerinnen enthalten, erhielt von TotalfeminisiererInnen zur Antwort, in Lehrerinnen, das allein gebraucht werden sollte, seien auch alle Lehrer männlichen Geschlechts inbegriffen. Nur wenn es um Verbrecher, Kriminelle, Fundamentalisten, Täter, Arschkriecher, Verräter oder Kanalisationsreiniger ging, durfte auf die Innisierung ungestraft verzichtet werden. Und so las man/frau dann eben: "44% aller Studentinnen sind weiblich." Am Ende konnte man je nach sprachlichem Feminisierungsgrad (in aufsteigender Reihenfolge) zwischen bürgerlich-rechtsstehenden und sozialdemokratischen bis grün-alternativen Publikationen und E-Medien unterscheiden.

Das Innen-Syndrom wurde zum Wahrzeichen des feministischen Gesellschaftsumbaus, angeführt von Exponentinnen einer Superweiber-Bewegung, die wegen ihres oft fehlenden Feingefühls gerade gegenüber den liebenswürdigen und liebenswerten Frauen viel Unheil anrichteten und für diese eine schwere Belastung waren. Zum grossen Glück waren die Zeitung, die Zeitschrift, das Radio, das Fernsehen und das Internet schon immer weiblich beziehungsweise sächlich. Sonst hätte das heikel werden können, und man hätte dann von die ZeitungIn und von die FernsehIn schreiben und sprechen müssen. Noch ungeschoren ist bisher nur der Fussgänger(innen)streifen davongekommen. Und sprachlich bequem haben es auch die Freimaurer: Sie haben keine weiblichen Mitglieder.

Besonders schwer taten sich öffentliche Verwaltungen mit der so genannten sprachlichen Gleichstellung der Geschlechter; sie murksen ja schon seit je an ihrem Amtsdeutsch herum. Und dann noch das! Ich habe dies am Beispiel der Staatsverwaltung des Kantons Aargau verfolgt, u.a. durch Studien der Staatspersonalzeitschrift "quer". Das Thema war über Jahre hinweg in jeder Ausgabe präsent, und der Regierungsrat hatte schon am 11. August 1993 die "Richtlinien zur sprachlichen Gleichstellung von Mann und Frau in Erlassentwürfen und in der Verwaltungssprache" erlassen.

Darin heisst es u.a.: "Entwürfe zu neuen Erlassen (...) sollen Frau und Mann durch entsprechende Formulierung von Sätzen und Satzteilen, durch geschlechtsneutrale Bezeichnungen und durch Paarbildung gleichbehandeln (= kreative Lösung). (...) Die sprachliche Gleichbehandlung soll in erster Linie durch entsprechende Formulierungen wie 'Die Kinderzulage wird mit dem Lohn ausgerichtet' oder durch geschlechtsneutrale Bezeichnungen wie 'Schulleitung', 'Lehrkräfte', 'Ersatzmitglied', 'Beteiligte', sichergestellt werden. Ist eine entsprechende Formulierung nicht möglich und stehen keine geschlechtsneutralen Bezeichnungen zur Verfügung oder ist es angezeigt, Frauen und Männer als handelnde Personen ausdrücklich zu erwähnen, ist kumulativ die weibliche und die männliche Form aufzuführen (Paarbildung). Es dürfen nur Formen verwendet werden, die den grammatikalischen, orthografischen und sprachästhetischen Regeln entsprechen; dazu gehören weder der Schrägstrich, noch das Grossschreiben eines Buchstabens innerhalb eines Wortes, noch die Klammer, noch unbestimmte Paarformen wie z.B. 'man' und 'frau' oder 'jedermann' und 'jedefrau'. Bei zusammengesetzten Begriffen darf ausnahmsweise auch eine geschlechtsspezifische Form ('Lehrerbildung', 'Kindergärtnerinnenausbildung', 'Schülerschaft') verwendet werden" . Bei Gesetzestexten wollte der hohe Rat "im Interesse der Rechtssicherheit eine gewisse Schwerfälligkeit der Formulierungen in Kauf nehmen". Solche müssen ja auch anderswo in amtlich verfasstem Schöngeistigem ertragen werden. Der grösste Wurf aller Zeiten waren diese lavierenden Slalomfahrten zwischen Anpassertum und dem krampfhaften Bemühen, nicht der Lächerlichkeit anheim zu fallen, auch wieder nicht.

Nicht besser kam die Bundeslösung heraus: Das schweizerische Parlament in Bern entschied bei der Revision des Schweizerischen Zivilgesetzbuches (Änderung des Eherechts) 1998 unter dem Eindruck der Existenz von Richterinnen, den Ausdruck der Richter durch den neutralen Begriff Gericht zu ersetzen. Es ist, als ob man einfach den Lehrer durch Schule oder den Arbeiter durch Fabrik ersetzen könnte... Anschliessend lautete der revidierte Artikel 1, Absätze 2 und 3 ZGB wie folgt: "Kann dem Gesetz keine Vorschrift entnommen werden, so soll das Gericht nach Gewohnheitsrecht und, wo auch ein solches fehlt, nach der Regel entscheiden, die er (sic!) als Gesetzgeber aufstellen würde. Er (sic!) folgt dabei bewährter Lehre und Überlieferung." Wer sich ein literarisches Vergnügen bescheren will, kann diese Folge bewährter Sprachbereinigungen im Band 2/1 der Gesetzessammlung des Bundes und in der "Amtlichen Sammlung AS 1999" (1143) gern schmunzelnd nachlesen.

Das alles ist mir persönlich zu einfältig, zu sinnlos, zu kompliziert. Ich will nicht auch noch Sigmund Freuds Feststellung tatkräftig untermauern, wonach sich Frauen und Männer in einer Selbstverstümmelungsphase befinden. Ich halte alle Damen in hohen Ehren. Sie sollen das aus meiner Haltung ihnen gegenüber herausspüren und nicht durch eine unleserlich gewordene Mutter- bzw. Vatersprache. Wenn man von Ärzten spricht, ist doch jedermann (darf man das auch nicht mehr sagen?) ohne weiteres klar, dass damit auch Ärztinnen gemeint sind.

Vielleicht gehe es bei alledem nur darum, androgyne (gleichzeitig männliche und weibliche Merkmale umfassende) Individuen zu schaffen: Weibermänner (Softies) und eben kämpferische Mannweiber. Das teilte mir eine Schriftstellerin kürzlich in einem Privatbrief mit. Dank der Transsexualität könnten auch private Gefühlsregungen (Liebe und Sexualität) abgeschafft werden, die einer einheitlichen Philosophie ohnehin nur im Wege stehen, hiess es in dem Brief im Weiteren. Reproduktionsmedizin und Gentechnologie könnten vollenden, was Hormongaben bisher nicht geschafft haben. Meine temperamentvolle Bekannte fügte noch bei: "Jedenfalls bin ich froh, dass ich eine solche Zukunft nicht mehr erleben werde."

In jener Zukunft dürfte das Sächliche, welches dem grammatischen Neutrum das verbunden ist, somit alle sprachlichen Probleme elegant lösen: Das wird die Blütezeit des Personalpronomens Es sein, welches das Sie und das Er überflüssig machen wird.

Walter Hess

PS: Im Textatelier wird vernunftgemäss geschrieben (falls Auftraggeber nicht aus speziellen Interessenlagen heraus besondere Ansprüche stellen): Unter Lesern, Lehrern, Ärzten usf. sind immer Angehörige beider Geschlechter gemeint, was ja auch selbstverständlich ist. Von Sängerinnen, Schülerinnen usf. aber schreiben wir, wenn es sich ausschliesslich um singende Damen beziehungsweise um eine Gruppe von schulpflichtigen Mädchen (ohne Knabenanteil) handelt. Damit sind genaue Abgrenzungen möglich.

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