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     17. Dezember 2018, 01:33 Uhr
 


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Viereckig

In Istanbul sprach mich ein Türke an, als er hörte, wie ich mich mit meinem Mann unterhielt. Er freute sich, die deutsche Sprache zu sprechen, hatte angeblich eine gewisse Zeit in unserem Sprachraum gelebt. Er wollte wissen, woher wir kämen. In der Schweiz lebe auch sein Bruder, erfuhren wir. Der Ortsname fiel ihm nicht sofort ein, doch zeichnete er mit seinen Händen ein Viereck in die Luft, um das Wohnhaus des Bruders zu beschreiben.
Angesichts der phantasievollen Architektur von Istanbul, wo sich Augen und Sinne berauschen können, fühlte ich sofort die Lieblosigkeit jener Wohnhäuser, die nur zu Spekulationszwecken erbaut worden sind. Und gleich auch das Heimweh, das Menschen aus dieser Stadt überfallen muss, wenn sie diese verlassen und bei uns in schachtelähnlichen Häusern leben müssen. Ohne dass er es beabsichtigt hatte, regte uns dieser Mann an, unsere Augen auf den vielfältigen Fassaden, Kuppeln, Dächern, Türmen, Gittern und Minaretten weiden zu lassen. Es kam mir vor, als ob die Lebensenergie an solchen Orten alle Winkel aufstöbere, sich an ihnen reibe und auflade und ihre Freudentänze aufführe. Ganz anders als bei uns, wo immer mehr glatte und lieblose Flächen nur zum Ausrutschen verführen.

Rita Lorenzetti

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