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Gönnt den Managern doch die Millionen

Eine satirische Betrachtung von Heinz Scholz , Schopfheim (D)

„Was im Altertum für masslose Könige galt, trifft heute für in Euro und Dollar verliebte Manager zu. Wer in schwierigen Zeiten kräftige Gehaltserhöhungen einkassiert, der Gesellschaft aber Verzicht predigt, sägt am Ast, auf dem er sitzt. Solche Leute gefährden die Marktwirtschaft.“
Bernd Kramer („ Badische Zeitung“ vom 7. April 2004)

Raffke-Mentalität
„Eine Raffke-Mentalität hat Einzug gehalten“, war im „ Spiegel Online“ zu lesen. Und ein Politiker meinte im ZDF , bei der Bezahlung von Top-Managern hätten in Deutschland und anderswo „amerikanische Verhältnisse eingerissen“. Wenn die Betroffenen befragt werden, erfolgt oft die Bemerkung mit weinerlicher Stimme, sie würden im Vergleich zu amerikanischen Managern nur Peanuts verdienen. Die armen Manager! Gebt ihnen doch noch einige Millionen dazu, denn sie wissen ja ohnehin nicht, wohin sie mit dem Geld sollen. Schliesslich haben sie sich übermässig für die Firma ins Zeug gelegt. Sie fanden nämlich heraus, wie man kräftig Geld einspart, nämlich durch Kürzungen und Entlassungen. Da jubiliert das Unternehmerherz! Schliesslich brauchen die unteren „Chargen“ zum Wohle der Firma ja nicht zuviel Geld zu verdienen. Sie haben ja ohnehin schon genug Vergünstigungen, Urlaub und Feiertage.

141 Millionen Jahresverdienst
In der Tat sind die amerikanischen Kollegen besser dran. So verdiente der New Yorker Börsenchef Dick Grasso 140 Millionen Dollar im Jahr. Das war zuviel des Raffens. Er musste unter öffentlichem Druck zurücktreten, und zudem hatte er eine Anklage wegen Untreue und Betrug am Hals. Colgate-Chef Reuben Mark führt die Spitze der Top-Verdiener an. Er strich im vergangenen Jahr 141 Millionen Dollar ein. Apple-Chef Steve Jobs ist dagegen ein armer Hund – so könnte man jedenfalls meinen. Er bekommt nämlich nur ein symbolisches Gehalt von einem Dollar. Aber aufgepasst: Seine Aktien-Optionen bringen ihm 75 Millionen Dollar ein – und das unabhängig von der Unternehmensentwicklung.

Es gibt immer mehr Manager, die ihre riesigen Gehälter nach dem Vorbild des Apple-Chefs tarnen. Sie bekommen ein niedriges Gehalt, aber mit Aktien-Optionen und Boni geht dieses in astronomische Höhen. Dieser PR-Trick soll die Öffentlichkeit besänftigen. Die neue Bescheidenheit der Top-Verdiener ist jedoch durchschaubar.

129 % Gehaltserhöhung
„Manager finden immer neue Schleichwege, um sich auf Kosten der Unternehmen zu bereichern“, stellte das Magazin „ Time“ resigniert fest. So stiegen im Jahr 2003 die Gehälter von den Vorstandschefs der 500 grössten US-Firmen um satte 27 %. Das sind jedoch Peanuts im Vergleich zu den Chefs von Daimler-Chrysler. Die schlugen mit 129 % Gehaltserhöhung zwischen 2002 und 2003 zu. Als die „Raffkes“ Sparmassnahmen von 500 Millionen Euro pro Jahr beschliessen wollten, demonstrierten die Arbeitnehmer. Dies war für den von seinen visionären Weltkonzern-Plänen umnebelten Daimler-Chrysler Chef Jürgen Schrempp unfassbar. Mit dem Betriebsrat wurde dann ein Kompromiss ausgehandelt, der zwar Einsparungen vorsieht, aber den Arbeitnehmern eine Arbeitsplatzgarantie im Sindelfinger Werk bis 2012 garantiert. Die Arbeitnehmer wurden kurzfristig besänftigt, als publik wurde, dass die Vorstandsvorsitzenden auf eine zehnprozentige Gehaltserhöhung verzichten würden. Dies war jedoch eine Seifenblase. Es war nicht das aktuelle Gehalt, sondern 10 % von den zukünftigen Zulagen gemeint. Ein Herr Schrempp kann ja nicht auf eine Million Euro im Jahr verzichten, das entspräche immerhin einem grossen Lottogewinn. Und wer verschenkt schon freiwillig einen Lottogewinn. Die Top-Verdiener vergessen immer wieder, dass sie auch Angestellte einer Firma sind und dass sie ohne Arbeiter und Angestellte ein Nichts wären.

Es ist richtig, dass den Raffgierigen mehr auf die Geldfinger geschaut wird. Zudem sollten Zulagen an Firmengewinne gekoppelt werden. „Managergehälter müssten in Relation zur Leistung stehen. Wenn man aber umfangreich Arbeitnehmer entlassen muss, ist das keine hervorragende Leistung. Dann muss man sich manchmal schon fragen: Sind Manager hier wirklich ihr Geld wert?“, so die „ Pforzheimer Zeitung“ im Internet. Auf jeden Fall glauben es die Manager selbst. Sie sitzen schliesslich an den „Futtertrögen“ und dürfen sich selbst bedienen.

Jenseits aller Moral
Erfreulicherweise machten sich auch die Politiker bemerkbar, als sie von den „freiwilligen“ Gehaltskürzungen hörten. Laut SPD-Chef Franz Müntefering sind die Millionengehälter von Spitzenmanagern „jenseits aller Moral“. Und CSU-Chef Edmund Stoiber begrüsste eine Gehaltskürzung, um die „soziale Symmetrie“ wieder herzustellen.

Die Politiker beachten nicht, dass auch sie zu den Abzockern gehören. Sie erhalten zwar eine nicht gleichermassen hohe Geldzuwendung wie Manager, aber sie haben schon nach kurzer Zeit als Abgeordnete Pensionsansprüche, von denen jeder Arbeitnehmer nur träumen kann.

Eine noble Geste kam 2004 von Bundeskanzler Gerhard Schröder , der ein Machtwort sprach und Gehaltserhöhungen für Anfang 2005 stoppte. Die Politiker müssen nun auf 460 bis 780 Euro verzichten. Da jaulte doch tatsächlich FDP-Fraktionschef Wolfgang Gerhardt auf und verteidigte in der ARD vehement die hohen Politikerdiäten. Sie wären „eher bescheiden, nicht überhöht, vor allem bei denen, die Führungsverantwortung in Fraktionen haben“. Der genannte Politiker verdient übrigens 17 600 Euro im Monat. „Dieser Politiker fühlt sich unterbezahlt“ , posaunte „Bild“ am 27. Juli 2004 in einer riesigen Schlagzeile. Recht hat der Mann! Er hat wohl die überdimensionierten Managergehälter, Werbegelder für Spitzensportler und die Honorare für Schauspieler im Auge gehabt. Vielleicht denkt er jetzt nach und kommt zur Einsicht, dass er den Beruf verfehlt hat. In seinen Träumen sieht er sich möglicherweise als Schrempp -Nachfolger oder als Möchtegern-Rennfahrer. In seiner Freizeit zählt und stapelt er wie Donald Duck Geldscheine und Münzen.
Die Schere zwischen Normalverdiener und Top-Manager driftet immer weiter auseinander. 1982 verdiente ein Vorstandschef einer grossen Aktiengesellschaft in den USA 42-mal soviel wie der Durchschnittsamerikaner. Und heute? Die Manager verdienen das 300fache gegenüber einem normalen Mitarbeiter. In Deutschland streichen Spitzenleute bis zum 240fachen dessen ein, was im Schnitt ihre Beschäftigten nach Hause bringen. Vor 30 Jahren floss nur das 30fache an Geld in die Taschen der Manager.

Habt Erbarmen!
Ruth Gleissner Bartholdi meinte in der Badischen Zeitung vom 26. Juli 2004, man solle doch Erbarmen mit den Managern haben. Sie sollen, wohl ein Gerücht, auf dem Flug nach China sein, um sich in der „Heul-Bar“ so richtig auszuheulen. „Tränen sind des Schmerzes heilig Recht“, sagte einst Franz Grillparzer und „ dies gilt besonders für die derzeit Schmerzensreichsten unter uns, den Herrn Schrempp und seine Vorstandskollegen“ , wie die Journalistin betonte.

Sie müssen doch auf vieles verzichten, können nicht mehr so kräftig ihre Gehälter erhöhen, haben es mit renitenten Arbeitern zu tun, und das Schlimmste: Sie haben an Ansehen verloren. Sie werden als geldgierige Monster bezeichnet. Der Geschäftsführer der Deutschen Schutzgemeinschaft für Wertpapierbesitz (DSW), Klaus Nieding , betonte in der „Berliner Zeitung“, die Manager hätten jegliche Bodenhaftung verloren. Er sieht den sozialen Frieden in der Gesellschaft bedroht, wenn sich die Manager ihre Gehälter erhöhen und die armen Schlucker (Arbeiter und Angestellte) Einbussen hinnehmen müssen.

Aber lasst den Managern doch ihr Einkommen! Müssen sie doch ihren Kopf hinhalten, wenn Fusionen und feindliche Übernahmen anstehen. Als Belohnung für diesen Stress winkt ihnen wenigstens ein millionenschweres Zubrot. Aber was nützt ihnen das viele Geld, wenn sie nicht einmal mehr Zeit zum Geldausgeben haben (höchstens ihre Frauen) oder sogar auf Urlaub verzichten müssen.

Trösten wir, die nicht soviel haben, uns mit dem weisen Spruch von Papst Innocenz III. (1198-1216): „Des Reichtums Erwerb ist mit Mühe und Arbeit verbunden, sein Besitz von Furcht und sein Verlust von Schmerzen begleitet. Immer ermüdet und beschwert er die Seele.“

Verwaltung der Abfindungen ist ein Nervenfrass
Sollte ein Top-Manager entlassen werden, winkt ihm eine hohe Abfindung. Was tut er dann? Dazu Ruth Gleissner Bartholdi : „Letztlich muss ein Topmanager auch an die Zukunft denken. Verliert er seinen Posten, gibt es keine Arbeitslosenunterstützung, kein Stoss Antragsformulare vertreiben ihm die Zeit, und die Verwaltung der Abfindungen ist ein Nervenfrass.“ Aber halten wir es mit Wilhelm Busch : „Geld lasst von Herzen allen uns gönnen, so viel die Esel nur tragen können.“

Basler speiste für 63 000 Euro
Zu viel Geld macht nicht immer glücklich, sondern manchmal langweilig. Immer wieder kommen Gattinnen von Millionären zu Wort und werden im Rahmen von Fernsehsendungen beim Einkaufen in Monaco oder St. Moritz begleitet. Ulkig und „informativ“ ist dann das Schriftband mit dem Namen der Prominenten am unteren Bildrand. Eingeblendet wird auch der Beruf der Person, nämlich „Millionärsgattin“.

Da könnte man schreien vor Freude. Es gibt tatsächlich Frauen, die sich auf intelligente Weise einen Millionär angeln und nie mehr arbeiten müssen. Sie müssen jedoch ihre Zeit totschlagen, wie man so schön sagt. Sie suchen sich eine sinnvolle Beschäftigung. Oft sind das Inszenieren von Partys und das Geldausgeben in Monaco oder St. Moritz die einzigen Höhepunkte in ihrem Leben. Eine „ehrliche Haut“ äusserte einmal, nachdem sie sich von solchen Aktivitäten entfernt hatte, die Partys seien höchst langweilig: Immer die gleichen Gesichter, die immer dasselbe von sich geben und mit ihren Geschäften und Besitztümern prahlen. Und dann immer das langweilige und anstrengende Aussuchen von neuen Kleidern. Denn zu einer Party darf man nie mit einem bereits getragenen Kleid erscheinen. Hier bewahrheitet sich wiederum der schwedische Spruch: „Der Überfluss ist die Mutter der Langeweile“.

Aber es gibt noch eine andere Möglichkeit, Geld auszugeben. Entweder wird teurer Schmuck erstanden, sei es für den persönlichen Bedarf oder für den lieben Hund. Der grosse Renner sind Diamanthalsbänder für Hunde. Da jauchzt das Herz des Vierbeiners; eine solche Zuneigung hat er nicht erwartet. Etwas Zuneigung war ja schon vorher vorhanden, denn er darf aus einem vergoldeten Futternapf fressen und Frauchen beim Einkaufsbummel begleiten.

Am 26. April 2004 wurde in der Badischen Zeitung berichtet, wie ein Basler Geschäftsmann in London viel Geld für Tafelfreuden ausgab. Er tafelte ausgiebig mit 6 Freunden in einem exquisiten Restaurant. Dieser „Spass“ wurde mit 63 000 Euro in Rechnung gestellt. Die Speisen schlugen zwar nur mit 750 Euro zu Buche, aber der erkleckliche Rest wurde für Spitzenweine ausgegeben. So zahlte der Geschäftsmann für eine Flasche 1947er Pomerol Château Pétrus 18 450 Euro. Seien wir nicht neidisch! Der Mann hat ja genug Geld zum Ausgeben. Es ist seine Sache, wie er das Geld aus dem Fenster hinauswirft. Irgend jemand kann es ja wieder auflesen.

Einige weise Sprüche über Reichtum und Überfluss

„Einer ohne Krankheit ist glücklich, einer, der keine Schulden hat, reich.“
(Aus Spanien)

„Am reichsten sind die Menschen, die auf das meiste verzichten können.“
(Rabindranath Tagore, indischer Philosoph)

„Den grössten Reichtum hat, wer arm ist an Begierden.“
(Seneca, Briefe 29)

„Je mehr ein Reicher und ein Aschenbecher ansammeln, desto schmutziger werden sie.“
(Aus Japan)

„Der Überfluss pflegt auch der Allerweisesten Verstand zu verblenden.“
(Kaiser Friedrich II.)

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