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     10. Dezember 2018, 08:39 Uhr
 


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Gewalt statt Ursachenbeseitigung

Wo bleibt die „unendliche Gerechtigkeit“? Ein Rückblick auf das jüngste Kapitel Weltgeschichte – Von Walter Hess

Unzählige Hollywood-Produktionen verdanken ihren Erfolg den Darstellungen von Gewalt und Katastrophen. Ein billiges, sinnloses Herumballern mit einem Maschinengewehr in einem Wildwestlokal oder einem Flughafengebäude genügte schon längst nicht mehr, und auch das Handgranatenwerfen zwischen Kakteen wie in „Viva Maria!“ durch Jeanne Moreau lockt keinen Knochen mehr hinter dem Sofa hervor. Handwerklich geführte Kriege sind zum Gähnen; das Pantoffelkinopublikum hat sie längst satt. Für die Film- und TV-Fans muss Irreales, Computeranimiertes her: Entsetzlich böse Schurken werden von unendlich guten Lichtgestalten gejagt. Nur ausgewachsene Katastrophen und Kriege von galaktischen Dimensionen können die Gewaltverwöhnten noch vor die Leinwände und TV-Schirme ziehen, noch eine Zeit lang wach halten und die Kassen Hollywoods füllen. [1]

Lehrstücke aus der US-Gewaltkultur
In „Pulp Fiction“, „Mars Attacks!“, die „Stirb langsam“- Filme mit Bruce Willis oder „Natural Born Killers“ von Oliver Stone, „The Last Days of Sodom und Gomorrha“ sowie 10 000 anderen werden Gewalttäter zu Helden, wenn sie „gute“ Motive nachzuweisen vermögen. In „The Towering Inferno“ begann der höchste Wolkenkratzer der Welt just am Tage der Eröffnung zu brennen (ein Filmquiz, denn das Publikum weiss nicht, wer die Katastrophe überleben wird – richtig spannend). 1995 kam der beliebte Thriller „Die Hard III“ in die Kinos, in dem Teile von New York in Trümmer fielen. Im Sommer 1996 berichteten US-Zeitungen, dass bei der Kino-Aufführung von „Independence Day“ das New Yorker Publikum die Zerstörung seiner Stadt durch die Ausserirdischen besonders laut bejubelt habe. Great! Im neuen Film „A.I.“ hat Steven Spielberg lustvoll ein fast versunkenes New York inszeniert. Um die Jahrtausendwende liess Bret Easton Ellis in seinem Roman „Glamorama“ Bomben explodieren, die Teile von Manhattan, London und Paris verwüsteten. Fernsehen und Video halfen bei der quotenträchtigen Verbreitung der US-Gewaltkultur mit – mit den Sehnsuchtsphantasien von Auslöschung und Untergang liessen sich beste Geschäfte machen. New Yorker Hochhäuser sind auch von Autoren schon ein paar hundertmal zerstört worden – schon in H.G. Wells 1907 erschienenem Roman „The War in the Air“.

Zerstörung der Werte
Der ehemalige republikanische US-Präsidentschaftskandidat Bob Dole hat Mitte der 90er-Jahre Filme, welche die Gewalt verherrlichen, für die Zerstörung der Werte verantwortlich gemacht. Das leuchtet ein. Daraus ergibt sich, dass präventiv auch jede Form von Gewaltkultur, die verheerende Auswirkungen auf das Denken und Handeln haben kann, bekämpft werden müsste, in besonders wirksamer Weise, wenn es um die Beeinflussung von Kindern geht. Sonst kommt es überall so weit wie in den USA, wo psychisch vergiftete Kids auf Waffen abgesucht werden müssen, bevor sie Schulhäuser betreten dürfen. Die Brutalsten unter ihnen können dann in Spezialeinheiten gebraucht werden.

Auch Einschränkungen im Waffenvertrieb und in der Waffenherstellung – die USA sind der grösste Waffenproduzent und -exporteur der Erde – wurden bisher gerade von jenem Land aus Gründen der Geschäftemacherei kategorisch abgelehnt. Nur Hollywood hat neuerdings mit seinen inszenierten Katastrophenorgien, welche die Kinowelten überschwemmten und lokales Filmschaffen niederwalzten, zurückstecken müssen; solche Machwerke wirken heute noch geschmackloser als vor jenem 11. September. Dazu gehört der produzierte Disney-Film „Big Trouble“ , eine Komödie um eine Kofferatombombe in einem Passagierflugzeug... Dafür wurden nach der Zerstörung der WTC-Türme Filmemacher aus Hollywood von der Landesregierung beigezogen, um mögliche Katastrophen-Szenarien durchzuspielen. Es tut sich immer wieder ein Türchen auf…

Von der Realität eingeholt
An jenem 11. September holte die Wirklichkeit die Hollywood-Fantasien ein. Das Drama, das an jenem Tag in New York und Washington tatsächlich veranstaltet worden ist, kann durch nichts entschuldigt werden, wie jede Auslöschung von Menschenleben ebenfalls nicht, wo immer vorsätzlich herbeigeführte oder als Begleiterscheinung kriegerischer Handlungen hingenommene Todesfälle auch geschehen mögen. Und das gilt auch dann, wenn sie unter dem Deckmantel des Guten geschehen.

Terroristen verübten Terrorakte auf US-Einrichtungen in den USA, bei denen Tausende unschuldiger Menschen ihr Leben lassen mussten – ein grauenhafter Massenmord. Es war „wie im Film", wie es überall zutreffend hiess; der Vergleich drängte sich auf. Die Staubwolken erinnerten auch an die Verwüstungen durch die Nato-Angriffe auf Serbien mit ihren so genannten „Kollateralschäden“ (Nato-Sprache) wie die brennenden Chemiefabriken, das beschossene RTS- Fernsehhochhaus in Belgrad usw. Viel weniger spektakulär wären die Bilder von den Auswirkungen der Aushungerungsmassnahmen im Irak gewesen (Folgen der US-Boykotte), denen Hunderttausende, vor allem Kinder, zum Opfer gefallen sind, und von den verhungernden Flüchtlingen in Afghanistan, in einem der ärmsten und ohnehin am stärksten verwüsteten Länder der Welt, das zusätzlich ins Elend getrieben wurde. Das Flüchtlingselend wurde durch die anfänglich angekündigten massiven US-Angriffe mit dem angekündigten „Auslöschen ganzer Staaten“ und durch die anschliessenden Bombardierungen laufend vergrössert. Mit der verhängnisvollen Kriegsrhetorik und allen erdenklichen Grausamkeiten bis zu Flächenbombardements, Inhaftierungen Unschuldiger und Folterungen wollte die gedemütigte Regierung Bush Stärke beweisen und dem Volk Selbstvertrauen zurückgeben.
Aufnahmen von menschlichem Elend ausserhalb von Amerika, das sich wie die unmenschlichen Folterungen, die es auch in US-Gefängnissen gibt, im Stillen abspielt, gibt es am Bildschirm kaum zu sehen. Denn TV-Sender wie der westliche Leitsender CNN stehen im Dienste der US-Politik, und die Bündnistreuen und die Mitläufer hüten sich, den USA den Spiegel in Form von all den verwüsteten Ländern mit ihren Kriegsfriedhöfen vorzuhalten, auf dem die Folgen ihrer aggressiven Politik zu erkennen wären. Wenn dann wenigstens einige Folterbilder nicht mehr unterdrückt werden können, wie das im Frühjahr 2004 der Fall war, macht man in Sorryismus, und wenigstens die „New York Times“ gab hinterher notgedrungen offen zu, unkritisch berichtet zu haben.

Erinnerung an Vietnam – unter anderem
Einen Vergleich mit dem Vietnamkrieg wagt man in unserem Kulturraum fast nicht heranzuziehen, weil dort die Zahl der unschuldigen Opfer und der Missbildungen allein durch die Entlaubungs-Dioxine, welche Amerika gegen die Bevölkerung und die Natur eingesetzt hat, die Millionengrenze weit überschritten hat. Noch heute begegnet man zahllosen missbildeten Menschen, die auf Strassen herumkriechen und betteln, Folgen des Chemiekrieges, auf Schritt und Tritt, wie ich aus eigener Anschauung weiss – kaum etwas, das mich in meinem Leben tiefer beeindruckt hätte. In jenem Zusammenhang haben sich die Amerikaner nicht einmal zu einer Entschuldigung durchgerungen. Die Vietnamesen sind zu anständig, um Sammelklagen nach US-Vorbild zu veranstalten. Es würde ohnehin nichts nützen. Rund um diesen verbrecherischen und sinnlosen C-Krieg gab es keine Spur von einer „Unendlichen Gerechtigkeit“ (Infinite Justice [2]); unter diesem beschönigenden Motto liefen die ersten Vorbereitungen für den „Gegenschlag“ gegen Afghanistan.

Vergleiche mit Vietnam und anderen asiatischen Ländern, US-Machenschaften in latein- und südamerikanischen Gebieten usf. werden von den meisten westlichen, stramm hinter ihrer Leitmacht stehenden Medien nicht toleriert, als dumm und verantwortungslos disqualifiziert. Das ist mir sehr wohl bekannt; denn die Leitkultur unserer „Zivilisation“ ist unantastbar.

Entweder ist man mit Amerika oder mit den Terroristen („Either you are with us or you're with the terrorists“) – laut Bushs unglaublicher Arroganz. Das eine kritisch zu beurteilen und das andere abzulehnen, darf nicht mehr sein; wer die USA zu kritisieren wagt, wird sofort ins Lager der Terroristen verwiesen. Jede Opposition gegen die USA und die Weigerung zur bedingungslosen Unterwerfung gerät unter Terrorismusverdacht und wird brutal geahndet – Verhältnisse der Meinungsknebelung wie in der damaligen UdSSR. Der US-Präsident bestimmt allein, was gut (für die USA) und wer ein Terrorist ist. Am Ende jeder Ansprache bittet er Gott um den Segen ausschliesslich für Amerika. Die gedankenlosen Mitläuferstaaten werden in die Gebete nicht einmal einbezogen.

*

Gewalt bedeutet Rohheit, Zwang und Zerstörung – und zur Gewalt in ihrer am weitesten ausgedehnten Form zählt auch der Krieg. Mit einer aggressiven Politik der Stärke sind keine Freunde zu gewinnen. Wie die Terroristen, so müssen dies auch die Amerikaner bei den Bevölkerungen in aller Welt laufend bitter erfahren, auch wenn sie aus ihrer eigenen Sicht immer die „Guten“ sind, Erpressungen und Folterungen hin oder her.

Der Osloer Friedensforscher und Träger des alternativen Friedensnobelpreises Johan Galtung sah in den Terroranschlägen die Vergeltung für eine expansionistische Wirtschafts- und Militärpolitik (Interview mit www.spiegel.de vom 19. September 2001): „Die USA haben seit dem 2. Weltkrieg ähnliches Unheil über wenigstens 30 Länder gebracht. Ich denke nur an die Bombardements in Guatemala, Panama, Libyen, Korea, Vietnam, Somalia, Palästina, Libanon, Irak, Serbien und Chile." Das Land sei "in einer grossen Vergeltungskette gelandet", sagte er .

Wer durchblicken lässt, vielleicht sei den Amerikanern bewusst geworden, was Krieg und Zerstörung für die direkt Betroffenen bedeutet, begeht so etwas wie eine Gotteslästerung. Solche Andeutungen können Lehrkräften die Stelle kosten (wie in Chemnitz D, wo eine Geschichtslehrerin suspendiert wurde; sie soll sinngemäss gesagt haben, die USA hätten einen „Denkzettel“ erhalten). Der beliebte ARD -Moderator Ulrich Wickert wurde verbal gesteinigt und verlor beinahe die Stelle, weil er in einem Artikel der deutschen Zeitschrift „Max“ bei Bin Ladin und Bush „gleiche Denkstrukturen“ geortet hatte. Es war schon gefährlich, verlauten zu lassen, die USA sollten eher zur Besinnung statt zu Gewaltdemonstrationen neigen. Die Mahner, unter ihnen viele Frauen (wie die US-Schriftstellerin Susan Sontag ), haben das bitter erfahren müssen.

Eingeschränkte Freiheiten
Unsere viel beschworene Meinungsfreiheit ist schon sehr eingeschränkt worden, einer der gravierenden Kollateralschäden der Anschläge. Das zerstörte World Trade Center durfte von Touristen nicht einmal mehr fotografiert werden. Wenn z.B. arabische Staaten die Medien knebeln, steht es uns in Zukunft nicht mehr an, den Mahnfinger aufzuhalten; einen so freien, kompetenten TV-Sender wie „Al-Jazira“ aus Qatar gab es nach den Anschlägen im Westen nicht – „Al-Jazira“ bietet Meinungen und Gegenmeinungen.

Die zunehmende Überwachung jeder Form von Kommunikation bedroht seit dem 11. 9. im Abendland ein weiteres, bereits stark angeritztes Freiheitsrecht zusätzlich – bis hinein ins Internet. Der US-Senator Judd Gregg forderte sofort strengere Auflagen für die Hersteller und Vertreiber kryptographischer Software , mit welcher der Internetverkehr einigermassen zuverlässig verschlüsselt werden kann.

Verschlüsselungs-Software war schon vorher von den USA bekämpft worden (Ausfuhrverbot), weil diese die vollständige Überwachung des Internetverkehrs (inklusive die Firmenkommunikation) verhinderte. Vom FBI und von der NSA (Teil der US-Geheimdienste, die weit über 100 Abhöranlagen betreibt) wurde dieser Vorstoss lebhaft unterstützt. Zum Glück sehen sich die US-Experten erwiesenermassen ausserstande, die Materialberge eingehend auszuwerten, schon der mangelnden Sprachkenntnisse wegen.

Der einfältige Kriegsherr
Vor den erwähnten geschichtlichen und kulturgeschichtlichen Hintergründen war es schwer zu ertragen, dass sich der „zivilisierte“ Westen nach US-Vorgaben widerspruchslos auf einen langen abenteuerlichen Krieg einschwören liess, der am 7. Oktober 2001 eingeleitet wurde. George W. Bush genoss es sichtlich, als Anführer des 1. Weltkrieges des 3. Jahrtausends in die Geschichte einzugehen. Er meinte, das sei eine Ehre und hat noch nichts dazugelernt.

Der Krieg der (Religions-)Kulturen war unter solchen Voraussetzungen nicht aufzuhalten, schon deshalb, weil auf beiden Seiten Fundamentalisten am Werk waren: Ein Teil der arabisch-muslimischen Welt gegen den verhassten Westen – die andere Seite sprach von Kreuzzug und erbat den Segen des Christengottes , die andere von Dschihad (Bemühung, Einsatz für die Lehre, Glaubenskrieg) im Namen Allahs. Die unterwürfige EU und selbst die Uno waren vorerst einmal zu politisch bedeutungslosen Applaus und Unterstützung spendenden Nullorganisationen degradiert, ein jämmerliches Bild. Von nun an konnten die USA, von Kritik unbehelligt, mit ihrem Blankocheck alle ihre geostrategischen Ziele anvisieren – und gerade auch noch ein Uno-Minenräumungsbüro in Afghanistan auslöschen... Bei dem wilden Herumballern hatte es in Belgrad damals die chinesische Botschaft getroffen.

Kriege schaffen Probleme
Kriege , die allen Erfahrungen zufolge ein unermessliches Elend bei Zivilbevölkerungen und Zerstörungen von Natur- und Kulturwerten herbeiführen, sind erwiesenermassen das untaugliche Mittel, um gravierende Probleme zu lösen. Im Gegenteil: sie schaffen mehr davon, auch was die Terrorismus-Förderung anbelangt, wie man inzwischen einsehen musste. Sie sind in der Regel das allerletzte Mittel, das dann angewendet wird, wenn alle Vernunft ans Ende gekommen ist. Im Falle der Terroranschläge, die mit den Mitteln des Völkerrechtes und der Rechtsstaatlichkeit zu ahnden und wohl im Rahmen der Uno zu verhindern wären, war es um dieses menschliche Vermögen, Einsichten zu gewinnen, sofort geschehen. „Klagt nicht, denn dass ein Staat, der gross, auch redlich wird, wünscht Torheit bloss“, schrieb Bernard de Mandeville in seiner „Bienenfabel“.

Bush und seine Medienhaubitzen wie „CNN“ und deren Nachahmer in aller Welt inszenierten auf eigene Faust unverzüglich den Vorkrieg, der zum heissen Krieg werden sollte, sobald die Täter einigermassen ermittelt sein würden, weit abseits von den USA, weit weg, in einem armen unterdrückten Land, vorerst in Afghanistan, dann im Irak. Dabei brauchte es die Medien nur noch zum Verkünden der militärischen „Erfolge“ aus der Sicht eingebetteter und instruierter Berichterstatter, die den Halbschlaf zu schlafen schienen.

Die Aufgabe war delikat. Die in vielen Teilen der Erde ungeliebte „Supermacht“ musste sich hüten, sich noch unbeliebter zu machen – aber sie schaffte auch das locker. Doch War war das Zauberwort, das offenbar etwa 80 bis 85% der gedemütigten Amerikaner hören wollten und das ihnen von „CNN“ plakativ tagelang in die Stuben eingebrannt worden war, obschon die USA ohnehin in einem permanenten Kriegszustand sind: gegen Drogen, Kriminalität, gegen Umweltaktivisten, gegen die Konkurrenz im Ausland usf. Voller Ehrfurcht aber möchte ich von jenen Amerikanern sprechen, welche die Gewalt verabscheuen, von welcher Seite sie auch kommen möge. Es gibt sie ebenfalls.

*

Präsident Bush aus Texas erinnerte sich nach den Anschlägen an den Slogan auf den Fahndungsplakaten aus der Wildwestzeit, nach dem man Bösewichte, die sich den Territorialansprüchen der Einwanderer widersetzten, „dead or alife“ - tot oder lebendig - habhaft werden wollte, Politik im Stil eines drittklassigen Westerns, der sich dann auch zu den Folterungen in irakischen Gefängnissen durch US-Soldaten auswuchs. Da waren alle Mittel erlaubt; die Menschenrechte wurden zurückgefahren, die US-Soldaten erhielten freie Hand, hatten keine Gerichtsbarkeit zu befürchten.

Das erwähnte Wildwestplakat mischte sich unter die Flaggenmeere, mit denen ein einzigartiger, exzessiver Nationalismus betont wird. Die geknebelten Medien verbreiteten mehr US-Patriotismus als Journalismus. Die im Unglück Vereinigten fanden im besagten Hurra-Patriotismus und den martialischen Machtdemonstrationen Trost und wohl auch Linderung ihrer Ängste. Es brauchte fast 2 Jahre, bis es auch in Amerika zu dämmern begann.

Die Lizenz zum Töten (inklusive zum Foltern, wie sich später erweisen sollte) wird heute bereitwillig erteilt. Vergeltung und Sühne um jeden Preis – und das Resultat heisst Eskalation. Laut Umfragen nehmen ¾ aller Amerikaner in Kauf, dass dabei auch Unschuldige sterben – wie es kriminelle Terroristen auch tun. Der katholische Theologe Hans Küng hat den US-Präsidenten in diesem Zusammenhang als „offenkundig naiv" bezeichnet und davor gewarnt, Terror mit Terror zu bekämpfen ( "Spiegel-Online", 25. September 2001).

Das ginge noch einigermassen an, wenn das eine inneramerikanische Erscheinung geblieben wäre. Doch die „zivilisierte Welt“, die sich selber als solche bezeichnet, fühlte sich in ihrem blinden Mitläufertum, in ihrer „ uneingeschänkten Solidarität“ selbstverständlich ebenfalls angegriffen, eine Kumpanei, die vor Einfalt triefte. Tony Blair [3]hatte es besonders eilig, den „Krieg“ auch auf sein Land und darüber hinaus auf die gesamte „zivilisierte Welt“ zu beziehen. Statt zivilisiert hätten die europäischen Staatsleute eben amerikanisiert sagen müssen. Das käme der Wahrheit wesentlich näher. Mit solchen aussenpolitischen Ausrutschern, der Aufgabe der Selbstbestimmung, wird in der Bevölkerung der betroffenen Länder ein Klima des Misstrauens und der Verachtung. Staatsleuten mit Format und Ethik könnte solches nicht passieren. Erst als 2004 bekannt wurde, dass die USA genau das taten, was sie Saddam Hussein vorgeworfen hatten – das Foltern nämlich –, bröckelte die Zuneigung zu Amerika in allen Teilen der Welt. Mit einem Regime, das sich über Recht und Gerechtigkeit hinwegsetzt, mag sich niemand mehr so richtig solidarisieren.

Es lebe die Wirtschaft!
Eines der grossen Verhängnisse dieser Zeit ist der Umstand, dass Kriege wirtschaftsbelebende Faktoren und in Krisenzeiten manchmal geradezu willkommen sind. In der nach stur wissenschaftlichen Kriterien betriebenen Medizin funktioniert es genau so: Man geht nicht den krankmachenden Ursachen nach, räumt nicht diese aus und regt nicht die Selbstheilungskräfte des Körpers an. Man schiesst stattdessen auf die Wirkungen, behandelt und unterdrückt die Symptome und richtet dabei einen unermesslichen Schaden an, der selbstverständlich wiederum gewinnbringend vermarktet werden kann. Auch in der nach wissenschaftlichen Vorgaben betriebenen Landwirtschaft fragt man sich nicht, ob vielleicht Anbaufehler die Aufkommen der „Schädlinge“ gefördert haben könnten, sondern es wird sofort ein agrochemischer Krieg inszeniert und die Sache dann auf gentechnische Ebene verpflanzt. Viele Förster machen noch heute Jagd auf den Borkenkäfer, statt zu naturnaheren Wäldern zurückzukehren – man schiebt dann dem Klima die Schuld zu. Die Gesellschaft versucht im Erziehungswesen kaum mehr, Kinder zu wahren Werten hinzulenken, sondern baut polizeiliche Mittel aus, um den Schulbetrieb wenigstens noch einigermassen aufrechterhalten zu können. Die Aufzählung könnte beliebig fortgesetzt werden – bis zu den unerträglichen ökologischen, sozialen und kulturellen Folgen der sich globalisierenden Wirtschaft, die vor allem Unternehmensleichen produziert, den Arbeitern und Kleinanlegern schadet und ständig neue Beweise für das Versagen des Neoliberalismus [4] liefert.

*

Der salonfähige Krieg
Mangelnde Lernfähigkeit, Einsichtslosigkeit und Rücksichtslosigkeit sind vielerorts die tragenden Elemente des Handelns. Die Welt wird destabilisiert. Kriege zwischen den Kulturen [5] werden inszeniert, die heute im Grunde eine Mischung aus Religions- und Wirtschaftskriegen sind. Im Zeitalter des Infotainment, das bei Bedarf in ein Betroffenheitstainment umgewandelt wird, scheint das Wort Krieg seinen Schrecken vollkommen eingebüsst zu haben – es geht den Politikern immer leichter über die Zunge. Verbrechen einzelner Täter werden sogleich zu Kriegshandlungen erhoben und Mittel für Rache und Vergeltung bereitgestellt. Das heizt die Spannungen zusätzlich an, löst in anderen Kulturräumen aus, was im Westen unter dem Begriff Dschihad [6]zusammengefasst wird.

Das Reziprozitätsprinzip, wonach Gleiches mit Gleichem zu vergelten ist, wurde noch überhöht: Zahn um Zahn. Aus George W. Bushs unbeholfenen, roboterhaft hingeworfenen Schlagwörtern (wie War, Justice , in einem Anfall von christlichem Fundamentalismus sprach er sogar von Kreuzzug [7] gegen den Terrorismus, was ein Sendungsbewusstsein auch auf dieser Seite erkennen lässt, usw.) war beinahe eine machtberauschte Sehnsucht nach Krieg und Eroberung zu erkennen – der Wunsch zum Einleiten telegener Bombardements in einer Region, in der auch Rohstoffvorkommen (Erdöl und Erdgas) eine wichtige Rolle spielen. Das Vokabular der Guten schien auf die Aufnahmefähigkeit einer Primarschulklasse abgestimmt zu sein. Das Resultat ist bedrückend.

Zwingherren von eigenen Gnaden
Trotz des menschlichen Leides, das die Amerikaner für einmal ausnahmsweise im eigenen Land ertragen mussten, dachten sie nur an Vergeltung, statt an die Sicherheitsbedürfnisse des ganzen Globus. Auch die amerikanisch dominierte Nato begann mit einem archaischen, kriegsrhetorischen Säbelrasseln und erkannte sofort den kollektiven Verteidigungsfall (Kriegsfall); sie wurde aber vorerst nicht gebraucht, weil die Entscheidungskompetenz dann nicht allein bei den USA gelegen hätte . Sie wurde erst 2004 eingesetzt, um im Irak die Kastanien aus dem Feuer zu holen. Die USA wollen im Verein mit Grossbritannien „Zwingherren von eigenen Gnaden“ sein, um internationale Gesetze (wie das Klimaschutzabkommen) nach eigenem Gutdünken zu biegen oder zu brechen, wie sich der Massachusetts-Professor Noam Chomsky ausdrückte.

Die USA sind zahlreichen gültigen internationalen Menschenrechtsabkommen nicht beigetreten : der Konvention gegen Apartheid (Politik der Rassentrennung), der Konvention über die Nichtanwendbarkeit (nationaler) gesetzlicher Beschränkungen bei der Ahndung von Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit , der Konvention zur Aufhebung aller Formen der Frauendiskriminierung, der Konvention über das Verbot von Menschenhandel und der Ausbeutung durch Prostitution Dritter, der Konvention über den Status von Flüchtlingen, der Ottawa-Konvention über das Verbot von Anti-Personen-Minen usf. Und Bush verweigert wegen der Wahlspenden aus der Erdölindustrie die Anerkennung des Kyotoprotokolls über die Verminderung von Umweltverschmutzungen. Würde solches in einem „Drittwelt“-Staat passieren, würden westliche Medien von Korruption sprechen. Der reputierte Harvard-Professor Samuel P. Huntington, der jahrelang als Berater des Pentagon wirkte, sprach von seinem eigenen Land als „rogue superpower“ (Schurken-Supermacht).

*

Würde der Westen das Existenzrecht der Palästinenser auf deren eigenem Territorium anerkennen und durchsetzen helfen, was eigentlich normal sein sollte, würde man arabischen Terrororganisationen den Wind aus den Segeln nehmen. Würden mit unseligen, politisch vollkommen unnützen US-Boykottmassnahmen nicht ganze Völker in ein unermessliches Elend getrieben, weil ihre Herrscher bei den Amerikanern gerade zu Recht oder zu Unrecht in Ungnade gefallen und zu Schurken geworden sind, weil sie ihren Zielen gerade im Wege stehen, wäre weiteres Elend verhindert.

Warum soll man nicht über Ursachen der destabilisierten Erde und die Folgen der erfahrungsgemäss auf Eigennutz bedachten US-Politik diskutieren dürfen? Warum soll man mit sanktioniertem Unrecht die Voraussetzungen für eine instabile Welt inszenieren, schaffen und erhalten? Auf dieser Welt ist laut Peter Scholl-Latour der Krieg und nicht der Frieden der Normalzustand. Heute mehr denn je.

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[1] In der Schweizer Zeitschrift „film demnächst“ vom September 2001 wurde der Film „Spy Day“ („Tag des Spions“) von Robert Rodriguez dem Sektor „Familienunterhaltung“ zugeordnet; die Produzentin (die mit Rodriguez verheiratete Produzentin Elizabeth Avellan ) bezeichnet das Werk als „Kinderfilm“. Die Inhaltsangabe der „schrillen Actionkomödie“: Kurz bevor sie Eltern werden, müssen Gregorio (Banderas) und Ingrid Cortez (Carla Gugino) ihren Job als Geheimagenten aufgeben. Heute arbeiten sie als Spionagefachleute, können es aber nicht erwarten, wieder mal einen richtigen Auftrag zu bekommen. Doch als es endlich soweit ist, können die beiden an nichts anderes als an ihre Kinder denken. Die 12-jährige Carmen (Alexa Vega) und der 8-jährige Juni (Daryl Sabara) werden unterdessen von ‚Onkel' Felix (Cheech Marin) gehütet. Als Gregorio und Ingrid von Fegan Floop (Alan Cumming), der die Weltherrschaft anstrebt, entführt werden, sieht sich Felix gezwungen, den Kindern die Wahrheit zu sagen. Also machen sie sich auf, ihre Eltern und nebenbei den Planeten zu retten... Soweit der familienfreundliche Filminhalt. In der gleichen Zeitschrift wird weiter hinten noch inbrünstig für das „grandiose Ghetto-Gewalts-Fresko“ „Boyz N The Hood" geworben. Mit solchem Bocksmist wachsen junge Menschen auf, eine Verschmutzung empfindsamer kindlicher Gemüter, die am Ende zu verblödeten und manchmal kriminellen Mitgliedern der amerikanisierten Welt werden.

[2] Bei der Operation „Infinite Justice“ handelte es sich vorerst um die Bereitstellung der Armee und des schweren Geschützes im Hinblick auf das „Zurückschlagen“ ab dem 7. 10. 2001. Der unglückliche Name der Operation musste dann geändert werden, weil er die Gerechtigkeit als Objekt amerikanischer Selbstjustiz deutlich machte und die Muslime beleidigte, was anderweitig allerdings ohnehin an der Tagesordnung war. Das nebenbei. Die wesentliche Frage war, wer damit angegriffen werden sollte. Man einigte sich auf die mit Grund unbeliebten Taliban, die Bush noch 1 Jahr vorher für eine Musikkapelle gehalten hatte. Bushs Kriegsrhetorik versetzte die auch wegen 4 Dürrejahren, wohl als Folge der Klimakatastrophe, hungernden Afghanen in Todesangst, und sie wurde in die Flucht getrieben. Dieses leidgeprüfte Land hatte schon im Krieg gegen die Sowjetunion (1979-1989) 5 Millionen Menschen verloren.

[3] Die britischen Rüstungshersteller wie BAe Systems , die gute Kontakte zum US-Verteidigungsministerium unterhalten, erwarteten davon einen Auftragsschub. Das Unternehmen ist in Europa u.a. am Bau des Eurofighter beteiligt. Weitere wichtige britische Rüstungsunternehmen sind der Triebwerkproduzent Rolls-Royce und der Komponentenhersteller Cobham.

[4] Die These der aus den USA verbreiteten neoliberalen Weltanschauung, welche die erfolgreiche Soziale Marktwirtschaft zerstört, lautet im Wesentlichen, nur die Konkurrenz von Individuen auf den Märkten könne das Problem effizient lösen, was, wie und für wen produziert werden soll. Staatliche Interventionen wie die Regulierung von Märkten (etwa durch das Arbeits- und Mietrecht sowie eine aktive Konjunkturpolitik), die Absicherung im Fall von Krankheit, Unfall, Arbeitslosigkeit oder Alter durch staatliche Leistungen, die Verbesserung der Chancengleichheit durch ein öffentliches Bildungswesen sind untersagt. Die Tendenz läuft darauf hinaus, auch Wasserversorgungen und andere Infrastrukturaufgaben, Krankheitseinrichtungen, Bildungsstätten usf. zu privatisieren – immer zum Schaden der nicht Privilegierten: Konkurrenz und (Wirtschafts-)Krieg statt Zusammenarbeit. Das führt zu Unzufriedenheit, politischer Destabilisierung und zur Zerstörung von kleinen, mittleren und auch grossen Unternehmungen (wie die durch das US-Unternehmen McKinsey beratene ehemalige Swissair) – ein Debakel auf der ganzen Linie.

[5] Der US-Politikwissenschaftler Samuel P. Huntington prägte den Begriff „clash of civilizations“" (Zusammenstoss der Zivilisationen) und erntete damit viel Kritik . Tatsächlich wurde aber der Islam in den letzten Jahren zunehmend als Feind des Westens wahrgenommen. Huntington ist vor allem wegen seiner Forderung in Ungnade gefallen, der Westen müsse nicht nur sein Verständnis der Kultur der Anderen revidieren, sondern vor allem die Einstellung zu seiner eigenen Kultur. Er warnte auch vor der Illusion einer multikulturellen Gesellschaft.

[6]Dschihad heisst „Anstrengung für die Lehre“. Das Wort wird im Westen meist undifferenziert mit „Heiliger Krieg“ übersetzt.

[7] Das von Präsident Bush benutzte Wort Kreuzzug bezeichnete der Friedensforscher Johan Galtung mit Recht als „ausgemachte Dummheit“; „Kreuzzug“ und „Kreuzfahrer“ sind unter den Islamisten verständlicherweise Reizwörter. Wer auch nur rudimentäre Geschichtskenntnisse hat, wird die Erwähnung des seinerzeitigen aggressiven Verhalten der Christen in solchen Zusammenhängen vermeiden, auch wenn die Geschichte der Muslime nicht frei von Barbareien (Sklaverei) ist.

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