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     19. Dezember 2018, 12:22 Uhr
 


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Fast Food zum Abgewöhnen

Eine satirische Betrachtung von Heinz Scholz , Schopfheim (D)

US-Regisseur Morgan Spurlock ass 30 Tage lang Fast Food und wurde krank – Professor empfahl Kost von McDonald's – Ernährungsirrtümer - Kranke Konzernchefs – Kinder sind die besten Kunden – 87% der Jugendlichen beurteilen Fast Food als ungesund - Fast-Food-Gerichte sind zu fett – McDonald's ändert die Strategie – Slow Food als Alternative

Morgan Spurlock wagte etwas Ungewöhnliches. Er spielte Versuchskaninchen in einem Ernährungsexperiment. Als Regisseur des Dokumentarfilms „Super Size Me“ ernährte er sich 30 Tage lang ausschliesslich von McDonald's-Produkten. Seine Kost bestand hauptsächlich aus Cheeseburger, Big Macs und Pommes. Dazu trank er die angebotenen süssen Getränke. Er wollte endlich wissen, warum die US-Amerikaner so dick sind. Während des Tests fuhr er im Land herum und befragte Experten, Ärzte, Lehrer und Politiker zum Thema Fast Food.

Das „schnelle Essen“ ist in den USA unglaublich beliebt. Da Betriebskantinen dort sehr rar sind, schossen in den vergangenen Jahrzehnten die Fast-Food-Lokale wie Pilze aus dem Boden. Die Umsätze stiegen von Jahr zu Jahr in ungeahnte Höhen (Umsatz in den USA 115 Milliarden Dollar pro Jahr). Die Kehrseite der Medaille: Die Amerikaner wurden immer dicker. Fast die Hälfte der Bewohner haben zu viele Pfunde auf den Rippen. 44 Millionen Amerikaner sind stärker übergewichtig. In den letzten 13 Jahren erfolgte eine Zunahme der Fettleibigkeit um 74%. Die Folgen sind katastrophal. Infolge der Fettleibigkeit sterben dort jährlich 300 000 Menschen. Die medizinischen Kosten erreichen astronomische Dimensionen (117 Milliarden Dollar pro Jahr). Unzweifelhaft leiden Fettleibige häufiger unter Fettleber, Gallensteinen, Diabetes, Asthma, Herz- und Kreislauferkrankungen und Krebserkrankungen.

„Kost ist gut für den Menschen“
In den vergangenen Jahren bekam McDonald's etliche Klagen an den Hals. Die Fast-Food-Esser waren der Meinung, durch diese Kost seien sie zu fett geworden. Das Unternehmen wies die Behauptung zurück. Die Verantwortlichen meinten in ihrem grenzenlosen Zynismus, ihre Kost sei nahrhaft und gut für den Menschen. Dies behauptete vor Jahren auch ein namhafter deutscher Professor, seines Zeichens Ernährungsexperte, in einer Werbekampagne für McDonald's. Da staunten selbst Fachleute, aber auch Laien, die sich von nun an in die Fast-Food-Restaurants stürzten, um zu schlemmen. Schliesslich konnte sich ein Professor nicht irren. Was er sagte, galt als Dogma. Damit basta! Erst später distanzierten sich andere Experten von diesen Äusserungen und meinten, die Kost wäre doch nicht so optimal.

Weitere Ernährungsirrtümer
Auch andere Ernährungsempfehlungen, die sich später als Irrtum erwiesen, prägten sich unauslöschlich in den Köpfen der Verbraucher ein. So wurde früher die Butter von einigen Ernährungsexperten verteufelt und Margarine empfohlen (entsprechende Studien wurde von der Margarineindustrie finanziert). Danach folgte nach dem Motto „Was interessiert mich das Geschwätz von gestern“ eine Kehrtwendung und die Butter war wieder „in“. Nun konnten die Verbraucher mit ruhigem Gewissen ihre Brote mit dem Naturprodukt wieder schmieren.

Dann wurde behauptet, das Cholesterin in den Eiern erhöhe den Spiegel im Blut oder Salz führe zu erhöhtem Blutdruck, Spinat liefere viel Eisen, Rohkostesser lebten gesünder, Kaffeekonsum führe zu Flüssigkeitsverlust, fettarme Produkte machten schlank, 5 kleine Mahlzeiten wären gut für die Figur. Stimmt nicht, sagen heute die Ernährungsgurus und räumen mit Ernährungsirrtümern auf. Kein Wunder, dass uns vor so viel Wirrwarr der Kopf schwirrt.

Nach dieser Abschweifung wieder zurück zu McDonald's. Auf Grund von weltweiten Protesten reagierte McDonald's. In einigen Fällen zahlte das Unternehmen Schadenersatz. Ausserdem bietet jetzt das Unternehmen kleinere Portionen und kalorienärmere Produkte, so genannte „Eat smarts“, an.

Aber es gibt auch eine Gegenbewegung im Land der grenzenlosen Freiheit. Die Lobbygruppe „Center for Consumer Freedom“ arbeitet gegen die Klagen, „indem sie sich darüber lustig macht oder davor warnt, dass die Freiheit und die persönliche Verantwortung auf dem Spiel stehen“, wie Florian Rötzer im Internet berichtet. Ähnliche Tendenzen beobachtet man ja auch bei den sehr beliebten Schusswaffen in den USA. Eine starke Lobby wehrt sich vehement gegen Verschärfungen des Waffenrechts. Sie sehen die Freiheit des Einzelnen in Gefahr.

Kranker Regisseur
Nun zurück zu Morgan Spurlock , der sich selbst als „Cheeseburger-Fan“ bezeichnet. Er liess sich während und nach dem Test von Ärzten beobachten und untersuchen. Die Ärzte waren überrascht, als sie die Auswirkungen einer so beliebten Kost („Happy Meals“) sahen. Sie stellten beim Regisseur erhöhte Cholesterin- und Leberwerte fest. Spurlock litt unter Kopfschmerzen, Depressionen und wurde apathisch und lustlos im Bett. Er nahm über 8 Kilogramm zu, und brauchte ein Jahr, um die angefutterten Pfunde wieder loszuwerden.

Spötter meinen, dass so manche Manager und Politiker im Land der ungeahnten Möglichkeiten infolge des hohen Fast-Food-Verzehrs immer wieder so merkwürdige Entscheidungen treffen.

Kranke Konzernchefs
Am 19. April 2004 starb der damalige McDonald's-Chef Jim Cantalupo mit 60 Jahren an einem Herzversagen. Auch sein Nachfolger hat mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen. Er musste sich einer Krebsoperation unterziehen. Es könnte der Verdacht aufkommen, dass hier die „Happy Meals“ ganze Arbeit geleistet haben. Der eine biss plötzlich ins Gras, der andere wurde krank. Aber das sind nur Vermutungen. Die Kost ist ja so „gesund und nahrhaft“.

Aber zum Trost der Schnell- und Falschesser gibt es auch angeblich Gesunde, die frühzeitig abtreten. Dazu ein Beispiel. Als ein Mann mit 59 Jahren starb, wunderten sich alle, die ihn kannten. Er hatte nicht geraucht, nichts Alkoholisches getrunken, ass nur gesunde Sachen. Nach der Beerdigung wurde diskutiert, was dieser Mann von seinem Leben hatte. Darauf antwortete eine Frau: „Er hatte einen Vorteil, er sah 10 Jahre jünger aus.“

Kinder sind die besten Kunden
Gründe für die Beliebtheit der Fast-Food-Lokale sind die standardisierten und preiswerten Gerichte und die zwanglose Atmosphäre. So können die Gäste mit der Hand essen und ihr Cola schlürfen (wie Jean Pütz und Sabine Fricke in der Sendung „hobbythek“ erwähnten, ist dies nicht nur erlaubt, sondern gehört sogar dazu). Nun eifern wir den Japanern nach, denn dort ist das Schlürfen von Suppen obligatorisch. Ein weiteres entscheidendes Erfolgsgeheimnis ist, dass die Kinder als vollwertige Kunden angesehen werden. Denn Kinder sind die besten Kunden.

Die meisten Fast-Food-Lokale verzichten auf Teller und Tassen aus Porzellan. Es gibt ja preiswerte Gefässe aus Kunststoff oder Pappe, die man nicht reinigen muss und bequem wegwerfen kann. Damit unsere Müllberge noch höher werden.

87% beurteilen Fast Food als ungesund
Interessant sind die Ergebnisse von Befragungen, die Ernährungswissenschaftler durchführten. So gaben 87 % der Jugendlichen an, dass Fast Food (auch „junk food“ genannt; junk = Müll) ungesund sei. Welch ein Trost, dass hier die Leute aufgeklärt sind. Aber was nützt die beste Aufklärung, wenn sich kein Mensch daran hält und die Speisen trotzdem konsumiert. Ähnliches beobachtet man auch bei Rauchern, die trotz der bekannten schädlichen Wirkung der Qualmerei kräftig weiter genussvoll an ihren Glimmstängeln ziehen.

Fast-Food-Gerichte sind laut Ernährungsexperten zu fett. Und fette Produkte enthalten weniger Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente. Besonders mangelt es an Folsäure, Kalzium, Jod und Beta-Karotin.

McDonald's ändert die Strategie
McDonald's will jetzt aktiv werden, um eine vernünftige Lebensweise zu fördern. „Als Marktführer der Gastronomie möchten wir unseren Beitrag leisten, das Bewusstsein für eine vernünftige und ausgewogene Lebensweise zu erhöhen“, so eine Unternehmenssprecherin.

Deshalb gibt es ab sofort auch Salate, Obst, Joghurt und Fruchtsaft. Endlich eine gute Idee, wohl geboren aus der Einsicht, dass man damit das Gewissen beruhigen und gute Umsätze machen kann. Vielleicht gibt es in einigen Jahren in diesen Antigourmetrestaurants Birchermüesli, Vollkornprodukte, Tofu-Burger und andere Alternativen. Dann wäre die Matsch-Brötchen-Ära beendet.

Wie die deutsche Verbraucherzentrale Bundesverband e.V. (vzbv) im Internet in einem Dossier zu Fehlernährung bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland*) berichtet ( www.vzbv.de ), will McDonald's Kinder jetzt wieder vermehrt zum Besuch ihrer Filialen animieren. So gibt es in den Filialen Spielecken, Gutscheine für Geburtstage, vergünstigte Kinokarten und andere Geschenke. Ein deutscher Politiker ist von dieser Idee so begeistert, dass er dem Unternehmen mit dem „rot-gelben-Zeichen“ für die Zukunft alles Gute wünscht. Hier hüpft das Unternehmerherz voll Freude, wenn sich nicht nur Professoren, sondern auch Politiker für die Kost und Marketingideen begeistern.

*) Titel der Arbeit: „... mit der Extraportion Zucker und Fett“

Slow Food als Alternative
Wer auf Fast Food nicht verzichten möchte oder wenig Zeit für die Zubereitung von Mahlzeiten hat, sollte an Alternativen denken. Es gibt gesunde Alternativen. Nennen möchte ich Bulgur-Salat-Sandwich oder Rezepte aus der Aromaküche. Unter www.hobbythek.de findet man etliche Rezepte und Infos über Fast Food und Slow Food (Hobbytipp Nr. 326).

Endlich gibt es auch ein geniesserisches Kontrastprogramm, nämlich „Slow Food“. Carlo Petrini war der Initiator dieser Bewegung. Als 1986 in der Nähe der Spanischen Treppe in Rom ein McDonald's-Restaurant eröffnet wurde, gründete er aus Protest die Slow-Food-Vereinigung. Inzwischen gibt es 70 000 Mitglieder in 35 Ländern. Die Mitglieder wollen die Esskultur bewahren und Qualität, Genuss und Regionalität fördern.

Eine solche Vereinigung ist zu begrüssen, zumal in der „hobbythek“ vor einiger Zeit behauptet wurde, dass unsere Kochkultur so langsam vor die Hunde geht. In einer Studie wurde nämlich festgestellt, dass heute 27% der Männer kein Spiegelei zubereiten können. Hier sind die Frauen gefordert, die ihre Männer nicht zu sehr verwöhnen sollten. Es ist nicht verkehrt, wenn der Ehemann ab und zu den Kochlöffel schwingt und kleinere Gerichte zubereitet (erfreulich ist, dass jetzt immer mehr Männer Kochkurse besuchen). Ein „Schwarzmaler“ meinte sogar, dass bis zum Jahr 2020 die selbst gemachte Rinderroulade ausgestorben ist. Soweit dürfen wir es nicht kommen lassen. Es wäre schade, wenn wir unsere Esskultur und Genusserlebnisse verlören.

PS: Bitte beachten Sie auch die Arbeit „Dicke Amerikaner“ (unter Miniaturen) von Heinz Scholz .

Links
www.supersizeme.com
www.mcdonalds.de
www.mcdonalds.com/usa/eat.html
www.umweltlexikon-online.de

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