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     19. Dezember 2018, 08:40 Uhr
 


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Die Fenster sind wie die Augen

Wenn Sie die Aufgabe erhielten, ein Produkt zu erzeugen, welches das Innere des Hauses gegen die Aussenwelt abschirmt, das Licht aber durchlässt, das möglichst viel Wärme herein und möglichst wenig davon hinaus treten lässt, unterschiedlichen Bedürfnissen und Witterungsverhältnissen angepasst werden kann, gut abdichtet, aber das Haus (dank kleiner undichter Stellen) doch etwas atmen lässt, das formschön und in Harmonie mit der Architektur inklusive den verwendeten Materialien ist, das Blicke von aussen abschirmt, aber die Sicht nach aussen zulässt und zu alledem auch noch Sicherheit bietet – dann würden Sie das Fenster erfinden. Es ist eine Öffnung – und zugleich keine.

Ein Fenster ist nicht einfach ein Fenster, auch wenn die Normierung voranschreitet. Nach der Feng-Shui-Philosophie besteht die Hauptaufgabe der Fenster darin, frische Lebensenergie (Qi) eintreten und verbrauchte austreten zu lassen; wer das auf den Begriff Luft mit ihrem Sauerstoffgehalt reduziert, vergisst das Licht, die kosmischen (auch magnetischen) Strahlungen usf. Damit das Qi als umfassende Urkraft richtig fliessen kann, kommt es auf zweckmässig dimensionierte Fensterflächen an: Zu kleine und zu wenige Fenster sind ebenso falsch wie zu grosse und zu viele. Im einen Fall besteht ein Qi-Mangel, im anderen verliert sich der Energiefluss zu rasch ausser Haus. In fensterlosen (gefangenen) Räumen malten die alten Chinesen ein Fenster an die Wand, wenn möglich an eine Aussenwand. Denn jeder Raum muss mindestens ein Fenster haben.

Je nach Ausrichtung sind die Fenster grösser (Süden) oder kleiner (Norden). Fenster sollten sich nicht gegenüberliegen, weil sonst die Lebensenergie durchs Haus hindurchrast, ohne dass sie ihre segensreiche Wirkung entfalten konnte. Da man aber in solchen Fällen das Haus nicht einfach umbauen kann, muss mit einer Wappenscheibe, einem Mobile, einer kleinen Kristallkugel oder einem anderen dekorativen, vors Fenster gehängten Gegenstand dafür gesorgt werden, dass das Qi im Rauminnern bis hinein in die hinterste Ecke zur Zirkulation veranlasst wird und erst dann das Weite sucht, wenn es müde und verbraucht ist.

Auch die Verhältnismässigkeiten bei den Längen- und Breitenmassen der Fenster spielen im Feng Shui eine ausserordentlich wichtige Rolle, wobei man zwischen Gebäuden für Lebende und Tote unterscheidet. Damit auch hier alles seine Ordnung hat, gibt es ein Feng-Shui-Lineal aus der Sung-Dynastie (1128–960 vor unserer Zeitrechnung), mit dem kaiserliche Schreiber bei der Anfertigung von Fenstern, Türen und Möbeln gearbeitet haben. Dieses Massgerät ist im Buch "Feng Shui & Gesundheit"[1] von Jes. T. Y. Lim beschrieben (hier die Angaben für jenes für die Lebenden): Das Lineal misst 16,91 Zoll oder 42,96 cm und ist in 8 Abschnitte unterteilt (die Quersumme von 42,96 ergibt 4 + 2 + 9 + 6 = 21 = 3, was lebendig und weiterleben bedeutet). Die einzelnen Abschnitte[2] sind in 4 gleiche Unterabschnitte von je 0,525 Zoll oder 1,34 cm Länge geteilt und haben jeweils eine ganz spezifische Bedeutung: Reichtum, Krankheit, Trennung, Grossmut, Macht der Behörden, Katastrophe, Schaden und Verletzung, Kapital. Wenn bei bestehenden Bauten die Fenstermasse nicht stimmen, behilft man sich mit Klebebändern und deckt den übers Idealmass hinaus geratenen Teil der Scheiben mit Klebebändern ab oder aber man korrigiert mit Vorhängen.

Im Wesentlichen geht es um die Übernahme der harmonischen Grundmuster, wie sie in der Natur vorkommen, etwa in der Anzahl Blütenblätter bei Pflanzen: 3, 5, 8, 13, 21, 34, 55 oder 89. Die nächste Zahl kann jeweils ermittelt werden, indem man die beiden vorangegangenen zusammenzählt. Werden ähnliche harmonische Massen beim Hausbau angewandt, erhält man Gebäude, die den Betrachter ansprechen und bei denen alles stimmt. Viele alte Bauten haben ihren unwahrscheinlichen Charme ebenfalls aus den instinktiv richtig gewählten Proportionen. Die Anordnung, Grösse und Konstruktion der Fenster sind fundamentale Gesichtsmerkmale eines Gebäudes.

Hohe, rechteckige Fenster wirken belebend, breite und rechteckige aber stabil und strahlen Behaglichkeit aus. Quadratische und runde Fenster werden im Feng Shui als besonders harmonisch empfunden. Es sind aber auch geschwungene Phantasieformen anzutreffen, wie etwa im Yuyuan-Garten in der Altstadt von Schanghai. Nur in der Ecke dürfen Fenster nicht sein. Für Augen gehört sich das nicht, und zudem würde die Stabilität des Gebäudes verringert.

Fenster sind tatsächlich die Augen eines Gebäudes. Man weiss ja aus der menschlichen Kosmetik, dass die Augenpartie bei der Gesichtsverschönerung mit Hilfe zeitgemässer Schminktechnologie die erstrangige Rolle spielt; und wenn alles nicht ausreicht, wird noch mit einer modischen Brille für zusätzlichen Nachdruck gesorgt. Die Normfenster moderner Normbauten aber sind zu trister Sachlichkeit verkommen, oft genug ohne Gefühl für Ästhetik eingesetzt. Oder ganze Gebäude sind ein einziges grosses Fenster, das seine regulierenden Funktionen nicht mehr wahrnehmen kann und nur noch in Kombination mit einer Klimaanlage denkbar ist, eine in jeder Beziehung ungemütliche Angelegenheit. In Glasbauten verlieren sich Ruhe und Konzentration.

Das Feng Shui könnte wieder Impulse geben, den Fenstern jene Bedeutung zu verleihen, die sie verdienen: Funktionale Kunstwerke, die ihren wesentlichen Beitrag an die Wohnqualität beisteuern.

Walter Hess

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[1] Lim, Jes T. Y. : "Feng Shui & Gesundheit. Vital leben in Haus und Wohnung", Joy Verlag GmbH, Sulzberg 1997 (ISBN 3-928554-29-8).
Die 8 Abschnitte des Lineals sind: Abschnitt 1: 0,00-5,37 cm, Abschnitt 2: 5,38-10,74 cm, Abschnitt 3: 10,75-16,11 cm, Abschnitt 4: 16,12-21,48 cm, Abschnitt 5: 21,49-26,85 cm, Abschnitt 6: 26,86-32,22 cm, Abschnitt 7: 32,23-37,59 cm und Abschnitt 8: 37,60-42,96 cm.

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