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     19. Dezember 2018, 13:26 Uhr
 


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Wie soll man denn schreiben?

"Schreiben! Schreiben dürfen! Das heisst träumen vor dem weissen Blatt Papier, unbewusstes Kritzeln. Das Spiel der Feder, die rund um einen Tintenklecks herumfährt, das untaugliche Wort benagt, zerkratzt, mit kleinen Pfeilen spickt, mit Saugrüsseln und Fliegenpfötchen verziert, bis es nicht mehr ein Wort ist, sondern ein phantastisches Insekt, ein verzauberter Schmetterling, der fortfliegt. . .", schrieb die französische Schriftstellerin Colette (1873–1954).

Das Schreiben wird kaum gelehrt, kaum gelernt. Einzelne Menschen haben dazu mehr Talent als andere, genau wie das auch auf die Beredsamkeit (Eloquenz) zutrifft. Talentierte schreiben gern und besser; denn das Resultat ist nur gut, wenn das Schreiben Spass macht. Andere leiden unter Schreibhemmungen, ja unter regelrechten Schreibblockaden. Vielleicht sind sie unsicher, wollen nichts von sich preisgeben, das nachher nicht mehr ihr Privateigentum ist. Es gelingt ihnen nicht, Ideen, Gedanken, Informationen und Gefühle in Worte zu fassen. Sie haben Angst, dies könnte ihnen nicht perfekt genug gelingen, und dadurch könnten sie sich unsterblich blamieren. Darin ist schon ein Körnchen Wahrheit: Als Schüler habe ich jeden handgeschriebenen Brief, den der Briefträger gebracht hatte, mit einem Rotstift korrigiert, Kommas neu verteilt und mir ein Bild über den mutmasslichen Bildungsstand der Absender zu machen versucht. Für die Verfasser wohlformulierter Texte empfand ich grosse Bewunderung.

Die am meisten verbreitete Methode ist wohl, das Schreiben durch Lesen zu lernen oder zu verbessern. Wer viel und aufmerksam liest, schreibt gewandter. Er weiss um den richtigen Sprachgebrauch und kann falsche Ausdrucksweisen erkennen und vermeiden. Umgekehrt wird wohl kaum zu einem flüssigen Stil finden, wer nicht liest. Das Ringen um Formulierungen wird zum Martyrium, weil man sich in einer unbekannten Sphäre bewegt. Wegen der Vorherrschaft visualisierter Medien geht die Kunst des Lesens und damit auch jene des Schreibens allmählich verloren; wegen des zunehmenden Formulierungsnotstandes müssen viele Studenten das Studium abbrechen. Die Lese- und Formulierungsschwächen nehmen gegenwärtig laufend zu; man spricht von Neoanalphabetismus. Solche Vorgänge sind sogar in Russland zu erkennen, einer Lese-Nation sondergleichen, die in den freiheitlicheren 90er Jahren zunehmend zur Glotzernation wurde, was die meisten anderen Länder schon waren.

"Lies viel und lies gute Bücher. Mach beim Lesen eines Buches manchmal halt, wenn dir eine Stelle besonders gut gefallen hat, und versuche, sie mit den Worten des Schriftstellers nachzuerzählen. Vergleiche dann deine Sätze mit dem Wortlaut des Buches und mach dir auch hierbei wieder klar, ob der Schriftsteller sich besser, anschaulicher und klarer ausgedrückt hat und weshalb seine Worte besser klingen", steht im Vorwort zum Buch "Deutscher Aufsatz I" von Gerhard Ebel. Aber es wäre ein Unsinn, den eigenen Schreibstil auf bestimmte Vorbilder abzustimmen, etwa Elemente aus der Belletristik[1] in den alltäglichen Schriftgebrauch zu transferieren und sich zu Kapriolen aufzuschwingen, die das eigene sprachliche Vermögen bei weitem übersteigen.

Der Stil muss der Bildung, auch der Persönlichkeitsbildung, adäquat sein. Der Wortschatz sollte möglichst gross und die Wortwahl treffend sein: Bei einem lodernden Feuer züngeln die Flammen höher als bei einem flackernden; das Wandern sollte nicht dem militärischen Marschieren gleichgesetzt werden, es sei denn man tue es auf zackige Art und Weise. Wer eine unruhige Nacht bei afrikanischer Hitze beschreibt, verwendet eine Sprache mit tropischen Qualitäten; exotisch, ausdrucksstark, laut, unangenehm schmerzend und juckend wie der Stich eines Sandflohs beim Fussknöchel. Die Worte sollten zueinander passen, sich ineinanderfügen, und der Sprachfluss sollte nicht durch einen unnötigen Fremdwörtereinbau zum Stocken gebracht werden. Überall gehören Treffsicherheit und Fingerspitzengefühl dazu: Ein "Lebe wohl!" auf dem Grabstein wirkt etwas zynisch...

Der Vermittlungsauftrag, den jedes Schriftstück hat, ist wichtiger als die Form, womit aber nichts gegen die gute Form gesagt sein soll. Alle Elemente sind sorgfältig zu beachten. Niemand sollte über Dinge schreiben, von denen er nichts versteht, weil er das Wenige, das er begreift, vielleicht falsch wiedergibt oder Unwichtiges zum zentralen Ereignis aufmöbelt. Jeder muss seine eigene Tonlage finden und, wenn's sein muss, eine eigene Lust und ein eigenes Talent zum Schreiben, Beschreiben, Mitteilen und gegebenenfalls auch zum Fabulieren entwickeln. Das Schreiben ist die Kunst der Vermittlung, der Weitergabe von Aussagen. Das ist das zentrale Ereignis. Erst in 2. Linie haben schreibende Menschen Hand-, Kopf-, Herz- und Kunstwerke herzustellen.

Beim Lesen erschliesst sich die Gedankenwelt des Schreibenden. Anderseits hängt die Interpretation des Gelesenen auch vom Leser ab, wie das Hans Magnus Enzensberger in einer Philippika gegen die Gedichtinterpretation von sich gegeben hat: "Wenn 10 Leute einen literarischen Text lesen, kommt es zu 10 verschiedenen Lektüren. Das weiss doch jeder." Jeder liest auf seine eigene, seine eigentümliche Art. Es kann bei der verwirrenden Vielfalt von Schreibenden und Lesenden keine Garantie dafür geben, dass am Ende alles genau so verstanden wird, wie es gemeint war. Zumindest darf der Leser korrekte Fakten und nachvollziehbare Gedankengänge erwarten.
Das Schreiben ist vor allem eine Begabung. Die Stärken vieler Menschen liegen auf anderen Gebieten. So gut wie ich für anspruchsvolle Holzarbeiten einen Schreiner und für Elektroinstallationen einen Elektriker beiziehe, ist es auch sinnvoll, anspruchsvolle Schreibarbeiten einem erfahrenen Fachmann zu übertragen.

Walter Hess

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[1] Die Bezeichnung Belletristik kommt von den französischen belles-lettres, das ist schöneLiteratur, also Dichtung aller Art und im speziellen die leichte Literatur: Unterhaltungsliteratur. Darunter fällt eigentlich alles, was nicht zur Sachprosa und nicht zur wissenschaftlichen Literatur gehört.

net-working
Bücherwürmer haben sich inzwischen auch im Netz verstrickt.

Illustration: Sonja Burger

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