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16. Ausgabe www.textatelier.com 17. 11. 2005

Lange und kurze Sätze

Lange Sätze sind verpönt. Bei Würsten ist es genau umgekehrt.

Wahrscheinlich waren zu Beginn des Entstehungsprozesses unserer Sprache alle Sätze kurz. Im Urindogermanischen waren keine Relativa und Konjunktionen (Bindewörter wie weil, da) bekannt. (Relativpromomen sind Satzglieder in Nebensätzen und vertreten dort ein im Hauptsatz genanntes oder zu ergänzendes Substantiv oder Pronomen: Das heisse Wetter, welches diesen Sonntag prägte, machte mich müde.)

Sagen wir es mit Hilfe eines Relativpronomens: Kurze Sätze, die sitzen, können prägnant, aber auch Ausdruck einer lapidaren Sprache sein. Solch eine einfache Sprache ist das Ägyptische. Demgegenüber sind das Griechische und Lateinische Ausdruck von reich gegliederten Denkperioden, mit verschönernden Ranken versehen. Hier ein möglichst werkgetreu übersetzter Text aus der Periode des griechischen Historikers Thukydides (460/455 bis 400 v. u. Z.), wobei die Satzteile zur Verbesserung des Verständnisses in Zeilen aufgeteilt sind:

... was Menschen hervorzubringen pflegen
die sich in einer derartigen Lage befinden
die sich nicht davor hüten,
dass es einem veraltet erscheinen könne
und was Menschen bei allen solchen Fällen Ähnliches sich zurufen
das sich bezieht auf Frauen, Kinder und vaterländische Götter
aber es sich für nützlich haltend in der gegenwärtigen Lage.

Man wünscht sich schon, dasselbe in einer etwas vereinfachten Form lesen zu können, ehrlich gesagt. Etwa so: Menschen handeln und rufen sich aus ihrer Lage heraus zu, was sie für nützlich halten und ohne Rücksicht drauf, als veraltet zu erscheinen.

Sätze sind eine sprachliche Sinneinheit. Sie können (laut dem „Duden“-Stilwörterbuch) einfach (im Sinne von kurz), verkürzt, erweitert, zusammengesetzt, mehrgliedrig, lang, elliptisch, abhängig oder selbstständig sein. Meines Erachtens ergibt sich die Satzart oder das Satzgefüge aus dem, was auszusagen und/oder mitzuteilen ist. Einfache Sachverhalte lassen sich leicht einfach darstellen, komplexe aber rufen nach angemessenen Satzkonstruktionen. Die Gleichung Kurzer Satz = gut, langer Satz = schlecht ist ein ähnlicher Schwachsinn wie die Forderung nach kurzen Texten ohne Rücksicht darauf, was und wie viel mitzuteilen ist. Moderne Zeitungen sind unter anderem auch deshalb so schlecht, weil gestalterische Vorgaben (Layout) und nicht die Beschaffenheit (Einfachheit oder Komplexität) einer Mitteilung die Länge bestimmen. Dabei ergeben sich doch Satz- und Textlänge aus dem zu vermittelnden Inhalt sozusagen automatisch. Ich höre mit dieser Betrachtung über die Satzlänge erst auf, wenn ich das Gefühl habe, es sei jetzt alles gesagt, was dazu im Rahmen eines Rundbrief-Beitrags zu sagen ist.

Ein Text besteht aus einer Folge von Sätzen. Die Sätze müssen in sich oder mindestens im Rahmen des Bericht-Umfelds klar, verständlich sein. Und die Satzfolge muss durch den Leim namens Bündigkeit zu einer Einheit verbunden sein. Information beziehungsweise Gedanke muss an Information und Gedanke geknüpft sein, genau wie jede Maschine Schmiermittel braucht, wenn sie rund laufen und sich nicht abnützen soll. An Ecken und Kanten bleibt man hängen; man wird aus der Bahn geworfen. Der Gedankenfluss ist gestört. Nach der medizinischen Auffassung der alten Chinesen sind Energieblockaden die Krankheitsursachen. Und sie hatten Recht. Eine Sprache ist ebenfalls krank, wenn der Mitteilungsfluss stockt. Bei der gesprochenen Sprache ist die Toleranzgrenze weiter. Doch wer schreibt, sollte sich genügend Zeit zum Nachdenken nehmen und Flüssiges von sich geben.

Ein Meister des bündigen Schreibens ist der 1926 in Ostpreussen (Lyck) geborene Siegried Lenz, dessen Werke mit den langen Sätzen man sich wie Butter einsaugen kann. Ein Monstersatzbeispiel aus seiner Erzählung „Der Beweis“ (in „Der Spielverderber. Erzählungen“, dtv 600):

„Ich wusste wirklich nicht, wozu er unten war und sein Schiff vermass, hin und her ging zwischen den blendenden Sonnenquadraten auf dem Boden des Frachtraums, ohne Eile, ohne Seufzen vor allem, an diesem harten Sommertag ohne Seufzen, denn über den Luks und über dem eisernen Deck zitterte die Luft, und das Licht machte einen ganz verrückt und durchschlug sogar die geschlossenen Lider.“

Da wird in einem einzigen Satz also einer aus der Beobachterperspektive beschrieben, der innerhalb des Schiffsrumpfs eine Aufgabe bei sengender Aussenhitze versieht, die ins Schiffsinnere drängt. Lenz hätte diesen verschachtelten Satz durchaus in Einzelsätze zerlegen können. Doch dann wäre die Gesamtheit des Geschehens im Schiff und der äusseren Einflüsse aufgelöst gewesen; die Unmittelbarkeit würde darunter leiden.

Die Menschen versuchen immer wieder, aufgrund äusserer Merkmale (wie den biometrischen Daten zur Personenüberwachung) das eigene Wesen und jenes anderer zu erkennen: Augenfarbe, Nasenlänge, Ohrenbeschaffenheit, Fingerrillen usf. Ein mindestens ebenso gutes Merkmal ist die Sprache des sprechenden oder schreibenden Menschen. Sie lässt auf die Vorgänge in der menschlichen Schaltzentrale schliessen. Das Wie und das Was der Wiedergabe von Denkleistungen lassen ausgezeichnete Rückschlüsse zu. Ein dummer Plauderi offenbart seinen Geisteszustand ebenso wie einer, der Originales und Originelles zu bieten und die Erfordernisse einer bestimmten Lage genau erkennen kann, wie dies im Thukydides-Zitat beschrieben ist.

Die Länge der Sätze spielt keine Rolle, nur gut und kunstvoll gefügt müssen sie sein. Und sie müssen das sprachlich einbetten, was auszusagen ist.

Walter Hess



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