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     November 30, 2020 05:39 CET
 


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Ghostwriter: Schreiber im Schatten

Berggeister, die keine Ghostwriter, aber ebenfalls tätig sind

Würden Sie es als unehrenhaft betrachten, wenn jemand den Küchenumbau nach seinen eigenen Wünschen durch einen Innenarchitekten planen und organisieren liesse? Ist daran etwas auszusetzen, dass ein Automechaniker den Auspuff Ihres Autos ersetzt? Ist es nicht etwa üblich, sich die Haare beim Coiffeur schneiden zu lassen?

Und wie ist das mit dem Schreiben? Zwar haben in unseren zivilisierten Landen alle Menschen eine gewisse Ausbildung im Lesen und Schreiben erhalten, früher mehr, heute weniger. Aber die Talente sind recht unterschiedlich verteilt. Vielen Menschen liegt das Schreiben nicht – sie haben andere Fähigkeiten, die ebenso wertvoll sind. Der Fachausdruck für die Blockade, während der die Feder nicht in Schwung kommen will, lautet: writer's block (Schreibhemmung). Er stammt aus einem grossen Land, in dem Lesen und Schreiben nicht mehr unbedingt Pflichtfächer sind und wo laut dem Schriftsteller Gore Vidal "der Durchschnittsamerikaner fast überhaupt keine Bildung hat" ("FAZ", 18. Oktober 2001). So weit ists im kulturell verhältnismässig hoch stehenden Europa noch lange nicht. Dementsprechend grösser ist bei uns aber die Anforderung an die Qualität und die Verlässlichkeit des Geschriebenen im geschäftlichen sowie politischen Leben und wenn die Texte gedruckt und vervielfältigt werden, das heisst so bald sie über den Familien- und Freundeskreis hinaus verbreitet werden, etwa bei Zirkularen.

Die Fachleute, die fürs Verfassen von Auftragstexten zuständig sind, nennt man Ghostwriter (Geister- oder Gespenstschreiber, Anonymus). Der allgemein üblich gewordene Begriff Ghostwriter ist ein amerikanischer Ausdruck für Autoren, die anonym Reden oder Bücher, aber auch andere Schriftstücke aller Art verfassen. Ghostwriter schreiben im Auftrag, und die Lorbeeren für ihre Bemühungen ernten die Auftraggeber, unter deren Namen ihre Werke erscheinen, oder aber die Referenten, die den bestellten Text brillant vortragen. Diese haben die Rede oder das Buch inspiriert und bezahlt – es ist infolgedessen ihr eigener Text.

Es gibt einige wenige rhetorische Naturtalente, die man Populisten nennt und denen die richtigen Worte abrufbereit auf der Zunge liegen. Sie finden besonderes Gehör, weil sie die Sprache des Volkes sprechen. Eine wirkungsvolle populistische Ansprache kann durchaus auch das Ergebnis einer Zusammenarbeit mit einem Ghostwriter sein.

Der deutsche Staatsmann Willy Brandt, der selber journalistisch tätig gewesen war, machte einst die berühmte Aussage, man sollte "mehr Demokratie wagen", die angeblich Günter Grass, als er noch nicht Nobelpreisträger war, für ihn erdacht und aufgeschrieben hatte. Der Satz war gut, wurde gehört; nicht als Blech-, sondern als Polittrommler hatte Brandt damals die grössere Reichweite als ein Schreiber, und mochte dieser auch einen noch so bekannten Namen haben. Der Schriftsteller Erik Orsenna ("Inselsommer"; "Portrait d'un homme heureux: André le Nôtre") seinerseits war jahrelang Berater und Ghostwriter des ehemaligen französischen Staatspräsidenten François Mitterrand. Es ist den Schreibern, die im Schatten wirken, aber unbenommen, gelegentlich auch einen grossen Wurf unter dem eigenen Namen auf den Markt zu bringen.

Die Entbehrlichkeit der literarischen Urheberschaft ist im arabischen Kulturraum eine Selbstverständlichkeit mit Tradition, die immer noch besteht. Im Irak wurde Ende 2001 ein "literarisches Meisterwerk", "Qalah'ah al-Hasinah" (Die befestigte Burg), veröffentlicht, das von einer gewaltigen Schlacht handelt und an dem Saddam Hussein mitgewirkt haben könnte. Das Geheimnis der Urheberschaft kann einem Werk zu einer zusätzlichen Brisanz verhelfen.

Im Alten Ägypten genossen die im Schneidersitz tätigen Schreiber ein hohes Ansehen. Sie waren wichtige Beistände der Gottkönige und Priester; ihre Ausbildung dauerte mehrere Jahre, da sie sich ein umfangreiches Wissen aneignen mussten, vergleichbar den heutigen Parlamentsstenografen. Ihre heiligen Tiere waren Ibis und Pavian, die Symbole des Gottes Thot, der als Erfinder der Schreib- und Rechenkunst galt. Weil die Hieroglyphen für ein schnelles Schreiben ungeeignet waren, wurde von den Schreibern das Hieratische als Variante der hieroglyphischen Schrift entwickelt, eine "fortlaufend geschriebene" Kursivschrift, die aus wenigen Strichen ohne Bildhaftigkeit bestand. Dennoch blieben Hieroglyphen mit ihrem Bildwert bestehen. Die Schriftzeichen wurden mit einer Tinte aus Russ oder ockerfarbenen Mineralien auf Kalkplatten, Tonscherben und später auf Papyrus, gewonnen aus dem Riedgras Cyperus papyrus L., angebracht.

Seit Jahrtausenden wird geschrieben – für sich selber und für andere. Das Schreiben im Kundenauftrag durch den einst so genannten poeta absconditus (den im Verborgenen, Versteckten wirkenden Poeten) beschränkt sich heute nicht mehr allein auf Reden und Bücher, sondern es umfasst alles, was schriftlich formuliert werden kann und muss – ob es in hand- oder maschinenschriftlicher, in gedruckter oder digitalisierter Form weitergegeben oder am Ende mündlich vorgetragen wird. Aus Talent- oder Zeitmangel, wegen fehlender Lust oder Musse oder um das bestmögliche Resultat zu erzielen, kann man jeden beliebigen Text auswärts schreiben lassen (Outsourcing). Genauso wie man in einer Schreinerei eine Dachlatte zuschneiden oder ein kompliziertes Möbelstück anfertigen lässt, kann man in einer Schreiberei eine Rede, einen Brief usf. schreiben lassen: Der Fachmann hat das richtige Werkzeug, die entsprechende Ausbildung und Erfahrung, und wenn er dazu noch über eine gewisse Menschenkenntnis verfügt, wird er die Kundenwünsche erkennen und das Produkt individuell angepasst formulieren können.

Berühmte Leute aus allen Sparten des öffentlichen Lebens erzielen mehr Gehör als weniger bekannte. Um den Weltenlauf günstig zu beeinflussen, sollten Prominente Wesentliches, Wegweisendes, zum Nachdenken Anregendes an die Öffentlichkeit bringen – ob es nun, wie der Volksmund in seiner bildkräftigen Sprache sagt, auf ihrem eigenen Mist gewachsen sei oder nicht, ist belanglos. Das trifft selbstredend auch auf die Äusserungen jedes Einzelnen in seinem Einflussbereich gleichermassen zu.

Setzt man Ihnen in einem Restaurant frisch gemachte Nudeln Alfredo vor, von denen Sie noch nach Jahren schwärmen, kommt es nicht darauf an, ob die vom Küchenchef höchstpersönlich oder von einem talentierten Hilfskoch zubereitet wurden – das Resultat hat zu 100% überzeugt. Und genau darum geht es: das Produkt muss stimmen. Der Prozess und die Namen der Personen, die hinter einem Aufsehen erregenden Werk oder Auftritt stehen, sind im Prinzip unerheblich.

Walter Hess


Illustration: Sonja Burger


Ghostwriter

Von guten Geistern
sind Sie nie verlassen,
wenn flinke Geisterschreiber
still durch Ihre Texte geistern,
mit leiser, leichter Feder alles,
was Sie wünschen, für Sie verfassen:

Briefe, Reden und Gedichte,
Protokolle und Berichte,
Inserate, Formulare,
auch Prospekte
für Ihre Ware,
Klappentexte
undsoweiter.

Wir schreiben ernsthaft oder heiter,
einmal sachlich, einmal witzig,
und wir formulieren spritzig.

Lislott Pfaff

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