Textatelier
BLOG vom: 06.03.2018

Emmas Violine

Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London


Ein Musikliebhaber hatte Emma eine wunderherrliche Geige vermacht – vom Geigenbauer Vuillaume in Paris geschaffen. Zärtlich streichelte Emma ihr Instrument, ehe sie ihm Klänge entlockte. Die 26-jährige Emma war in Schottland geboren und verbrachte dort ihre Kindheit. Im Royal College in London wurde ihr Talent entdeckt.

Ihre Laufbahn begann sie als Solistin und Primgeigerin von Barockmusik. Ein Bach-Quartett stand bevor um die Mittagszeit, wie das sogenannte “beast from east” sein Unwesen trieb, vom eiskalten Sturm begleitet, ausgerechnet "Emma” getauft.

Der Himmel an diesem Tag war wiederum fahlweiss mit einem Hauch gelb vermengt, wohinter sich die Sonne versteckte. Ohne Unterlass wirbelte Pulverschnee durch die Strasse. Der Verkehr war lahmgelegt. Emma verliess frühzeitig ihr Studio unweit der Wigmore Hall. Gut vermummt von ihrem Mantel, schulterte sie ihren gut gepolsterten Geigenkasten und erreichte in wenigen Minuten das “Caffè Nero”. Sie bestellte eine Tasse heisse Schokolade.

Ihre Geige hatte sie auf einen Tisch nebenan gelegt. Sie trug ihr Getränk in die hintere Ecke des Lokals und ging zur Theke zurück, um ihre Geige zu holen. Doch die Geige war verschwunden. Niemand hatte den Dieb bemerkt! Ein Mann betrat das “Caffè" abseits der Theke. Er bestellte einen Cappuccino ausserhalb der Reichweite der Kamera. Der Barista kehrte ihm den Rücken und bereitete das Getränk. Der Mann war spurlos verschwunden mitsamt der Geige.

Wie reagierte Emma in dieser misslichen Situation? Kurz entschlossen ging sie in ihr Studio zurück und ergriff ihre alte Geige, eine gute Schülergeige, worauf sie noch nicht immer übte. An diesem tristen Tag waren nur wenige Zuhörer im Saal. Niemand bemerkte die veränderte Klangfarbe des Instruments. Der Tag war gerettet. Ein echter Künstler widmet sich seiner liebgewonnen Pflicht, komme was wolle. Das wird als selbstverständlich vorausgesetzt.

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Nach dem Konzert kullerten Tränen über Emmas Wangen. Erst jetzt erfuhren ihre Kollegen vom Diebstahl ihrer Violine. Sofort wurde die Polizei entsprechend informiert. Ein befreundeter Journalist schrieb einen Artikel dieses gemeinen Diebstahls, der anderntags in der Presse erschien. Dieser Diebstahl wurde von vielen Tageszeitungen aufgegriffen. Der Dieb wurde aufgefordert, die Geige an Emma zurückzugeben. Diskretion wurde ihm dabei zugesichert.

Wer war für diesen Diebstahl verantwortlich? Allerlei Vermutungen wurden geäussert und verworfen. Eine Leserzuschrift schien glaubwürdig: Er sei unterwegs einem Mann in gelber Jacke begegnet, der hastig den Tatort verliess mit der Violine unterm Arm geklemmt. Jemand hatte im “Gumtree” die Verkaufsanzeige einer Geige entdeckt. Ein Polizist in Zivilkleidung bekundete sein Kaufinteresse und vereinbarte den Treffpunk in einem Pub. Ein Polizeiauto stand einsatzbereit rund 40m vom Pub entfernt.
“Sie kriegen ihre £ 60, aber erst nachdem Sie mir die Geige ausgehändigt haben”, sagte der vermeintliche Käufer und zeigte ihm die Banknoten.

“Folgen Sie mir”, erwiderte der Verkäufer.

Hinter einer Hecke hob er die vermisste Geige aus dem Versteck.

Im Spurt kaperten zwei Polizisten den Gelegenheitsdieb. Er trug eine gelbe Jacke!

Ende gut, alles gut, wenigstens diesmal. Emmas Violine war gerettet. Freudentränen kullerten über Emmas Backen.

 


 
 


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