Lob der Wiese
Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
Vor einer Woche wurde in England erstmals der “Tag der Wiese” gefeiert. Ich habe meinen verwilderten Garten ebenfalls der Natur überlassen und werde reichlich mit Wildblumen und Gräsern belohnt.
Eifrig sammeln Bienen und Hummeln ihren Honig. Auch mehr und mehr gaukelnde Schmetterlinge haben sich eingefunden, worunter sogar das Pfauenauge.
In einer Ecke, den Kräutern vorbehalten, beobachte ich die fliegenden Gäste. Viele bevorzugen rote Blüten, andere werden von gelben Blüten verlockt. Bei sanftem Wind schaukeln die hochgeschossenen Grashalme hin und her. Schafgarben haben sich zu den Fingerhüten gesellt, auch die schottischen Kratzdisteln entfalten jetzt nach und nach ihre tiefblauen Blütenkugeln und bereichern das Menü der Honigsammler. Mein Rasenmäher bahnt mir bloss den Rundgang um die Wiese. Dabei entdecke ich allerlei Orchideen, die sich im Rasen eingefunden haben. Die Amseln und Rotkehlchen erfreuen mich mit ihrem Gesang und finden Unterschlupf und Nistplätze in den Tannen, Fliederbüschen und Hecken. Jeden Tag füllt Lily die Schalen mit frischem Wasser für die Vögel. “Caruso” nennen wir diese Sänger.
Gegenwärtig werden Besucher zur Besichtigung der Gärten in Wimbledon eingeladen. Minutiös von Gärtnern gestaltete und gepflegte Beete sind im “Englischen Rasen” eingebettet und werden bewundert. Zusammen mit einer Freundin hat auch Lily einige dieser Gärten besucht. Sie priesen diese Ziergärten, und ich nicke beifällig. Lily weiss, dass ich meiner Wiese den Vorrang gebe, der Natur zuliebe.
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