Friedrichs Untergang – Ourselves to know
Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
Vieles geht im Leben in Brüche: Ehen, Geschirr, Freundschaften und mehr. Friedrich war beliebt: stets höflich und zuvorkommend. Im Umgang mit Leuten, erweckte er Vertrauen. Er lebte mit seiner Schwester in einem grossen Haus uns gegenüber. Beide haben längst den Ruhestand erreicht und sind unverheiratet geblieben. Ihr Leben schien wohlgeordnet.
Zur Geburtstagfeier seiner Schwester erschienen Bekannte aus der Nachbarschaft. “Wo ist Antonia?” Ausweichend antwortete er: “Sie hat eine Migräne und musste das Bett aufsuchen. Aber deswegen wird die Feier nicht aufgehoben.” Ich deutete gegen das Pflaster auf seiner Stirne und erkundigte mich: “Wie haben Sie sich verletzt?” Friedrich winkte ab: “Ich bin gestern im Garten über einen Stuhl gestolpert und habe mich dabei an der Tischkante oberflächlich verletzt.”
Hilfsbereit sprangen zwei Nachbarinnen in der Küche bei und trugen die belegten Brötchen in den Garten. Ich entkorkte einige Flaschen Wein. “Auf Antonias Wohl und rasche Besserung”, hoben wir die mit Champagner gefüllten Gläser. Die Sonne fiel schräg über die schmucken Blumenbeete, die Antonia liebevoll pflegte. Ich bemerkte, dass Friedrich sich in rascher Folge zum zweiten Mal Whisky nachfüllte. Wie sich die Sonne senkte, wurde das Geschirr abgetragen. Kurz später verabschiedeten sich die Gäste.
Etliche Wochen waren seit Antonias Geburtstagsfeier verstrichen. Friedrich war aus dem Strassenbild verschwunden. Es hatte sich herum gesprochen, dass sie Friedried aus dem Haus verweisen musste. In einem vom Alkohol ausgelösten Wutanfall hatte er Antonias Katze am Schwanz gepackt und aus dem Fenster geworfen. Die Katze war spurlos verschwunden. War es eine Migräne gewesen, die sie ins Bett getrieben hatte? Wir wussten es anders – “ourselves to know”.
Ich wunderte mich, als mir Friedrich eines Tages telefonierte und höflich fragte, ob er uns mit seiner Freundin besuchen dürfe. Ich entsprach seiner Bitte und lud ihn und seine Freundin zum Nachmittagstee ein. Beide erschienen bestens gekleidet: er in eine Burbury Jacke, sie in weisser Seidenbluse, augenfällig schmuckbeladen. Friedrich begrüsste uns überschwänglich und dankte uns wiederholt für unseren freundlichen Empfang. Ohne Umschweife teilte er uns mit, dass er im gleichen Quartier eine Mietwohnung bezogen habe. “In meinem Alter musste ich mein Leben vereinfachen”, fügte er hinzu und liess es dabei bewenden. Ich enthielt mich jeder Neugier, und unser Gespräch versickerte in alltägliche Redensarten. Was hatte ihn zu diesem Besuch veranlasst?
Er verabschiedete sich mit seiner Freundin sichtlich erleichtert.
Wochen später begegnete ich ihm wieder, wie er mir von einer Bank auf dem Vorplatz des Supermarkts zuwinkte. Er bot einen verwahrlosten Anblick. Bartstoppeln umrahmten sein Gesicht. Er trug ein schmuddeliges Hemd. Seine Hose war zerknittert.
Ich bin ihm noch einige Male auf dem gleichen Vorplatz begegnet. Er lallte beim Sprechen, und ich roch seine Alkoholfahne. Eines Tages war Friedrich aus dem Strassenbild verschwunden.“ Er ist gestorben”, teilte uns Antonia mit. Sie hatte eine neue Katze in der Wohnung, die sie so liebevoll wie ihre Blumenbeete hegte und pflegte.
* Den Untertitel “Ourselves to know” habe ich von O'Hara geborgt, den ich als Erzähler bewundere
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