Wie gut, dass es Wurzeln gibt
Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
Mein Nachbar hatte etwas gegen den wuchtigen Baum, der viel Schatten in seinen Garten warf. So gestattete ich ihm, dass er dieses Ungetüm, auf seine Kosten, vom “tree surgeon” (Baumchirurg!) fällen liess. Gleichzeitig wurde der Weihnachtsbaum, den ich vor vielen Jahren in unserem Garten verpflanzt hatte, stark gestutzt. Das geschah im diesjährigen Mai. Seitdem hat sich die Tanne erholt und, von der Wurzelkraft getrieben, kräftig wachsend die Haushöhe des benachbarten Gebäudes wiederum erreicht... Auch rund um Baumstrunk des Riesenbaums haben die Wurzeln für Nachwuchs gesorgt, vom Regen dazu ermuntert. Zweiglein spriessen munter, dank dem Wurzelgrund.
Auch die Flüchtlinge aus Syrien und anderen afrikanischen Ländern werden in Gastländern – Gastländer? Mitnichten! – neuen Wurzelgrund finden. Immigrationswellen überschwemmen gegenwärtig Europa. Viele dieser Flüchtlinge sind im Mittelmeer ertrunken. Die Überlebenden darben wie Bettler vernachlässigt auf den Strassen und in Parkanlagen. Sie sind allesamt unwillkommen. Dabei wird vergessen, dass viele Flüchtlinge eine gute Bildung genossen haben und auch als geschulte Berufsleute aus eigener Kraft eine Existenz aufbauen können. Wie sie gegenwärtig von den Behörden behandelt werden, ist ein Armutszeugnis, eine Schande sondergleichen. Grenzen werden mit Stacheldrähten gesperrt. Sie schlüpfen durch diese Sperren in Calais und anderswo. Sie sind nicht entwurzelt, denn sie tragen ihre Wurzeln in sich. Und verbessern sich die Lebensbedingungen in ihrer Heimat, wird es viele Heimkehrer geben.
Als Auslandschweizer bin ich stolz auf meine Wurzeln. Niemand kann sie mir rauben. Jedermann hat das Recht, seine Wurzeln zu bewahren, gleich welchen Ursprungs.
Die Natur hat es so eingerichtet, dass Lebewesen und Pflanzen aus der ganzen Welt seit jeher ein neues Dasein, weitab von ihrem Ursprungsland, gefunden haben und weiterhin finden werden. Sie werden sogar von Menschen importiert, was jeder Gärtner bestätigen kann.
Im menschlichen Umfeld gilt es, die Bräuche und Sitten des Gastlandes zu respektieren. Das ist ein Anpassungsprozess, der schroffe Gegensätze nach und nach lockert. Unser Bekanntenkreis umfasst Leute aus aller Welt, die sich in England niedergelassen haben. Sie bereichern unser Leben, solange man aufgeschlossen bleibt. Stacheldrähte und Ghettos erübrigen sich dann.
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