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BLOG vom 21.02.2017
Angst is’lamentieren als eine Form der Selbstthematisierung

Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Deutschland

 

Es gibt Flüchtlinge und Asylsuchende in Nordeuropa, die, wie viele bereits in Deutschland wohnende Mitbürger, muslimischen Glaubens sind. Diese wahre, informative und widerspruchsfreie Aussage kann auf verschiedene Weise interpretiert werden.

Diese Interpretationen sind Sinnfelder, die ständig wechseln können, je nach
Situation oder Sichtweise. Beispielsweise ist die „Willkommenskultur“ ein Sinnfeld, die grosse Zahl der Ankömmlinge ein anderes, die Angst vor massiven Lebensveränderungen dadurch ein weiteres, die persönliche Meinungsbildung zu der Existenz noch ein weiteres, kriminelle Erscheinungen und ihre Bedeutung ebenso, usw.

Menschen machen sich ein Bild von einem Weltausschnitt und auf dieser einseitigen Grundlage wird oft voreilig verallgemeinert und beurteilt, was mit Angst und Wehklagen („lamentieren“) einhergehen kann.

„Der Mensch leidet häufig an Unsicherheiten und Ängsten, ist aber genauso gut zur Selbstsicherheit oder Überheblichkeit imstande.“

Das ist Ausdruck von Geist, von Etablierung und Aufrechterhaltung eines Selbstverständnisses. Unsere Einstellung zu anderen Menschen ist immer auch durch unser Selbstverhältnis mitbestimmt und umgekehrt. Wir realisieren in den Sinnfeldern immer auch unser persönliches ideales Selbstbild, unsere Ängste, unsere Vorurteile.

Der Gedanke, die zu uns Gekommenen müssten in unsere Gesellschaft integriert werden, ist falsch. Was ist denn „unsere Gesellschaft“?

In Wirklichkeit besteht sie aus einer Vielfalt von Perspektiven auf  kulturelle Unterschiede in den verschiedenen Bundesländern in Deutschland („die Ossis“, „die Wessis“, „die Nordlichter“, „die Preussen“, „die Bayern“), in Subkulturen („die Asozialen“, „die Bonzen“, „die Geldsäcke“, „die Speissbürger“), in Alterstrukturen, in sozialen Gruppen, usw.

Es gibt keine endgültige, alles umfassende Wahrheit, sondern nur ein „Perspektivenmanagement“ in unserer Demokratie, wozu die Meinungsfreiheit und der Grundgedanke der Gleichheit aller Menschen (nicht nur „der Deutschen“) gehört.

Menschliche Haltungen sind davon bedroht, Pathologien auszubilden. Trotzdem hat der Mensch ein Recht auf seinen Irrtum.

Immer wieder werden Menschen mit der Tatsache konfrontiert, dass vieles geschieht, was sie nicht verstehen, was ausserhalb ihrer Kontrolle liegt, was Irritationen auslöst.

„Die menschliche Freiheit besteht deswegen auch und vor allem darin, dass wir auf nichts Bestimmtes festgelegt sind, dass es eine Vielzahl möglicher Festlegungen gibt. Die ist nicht nur eine Quelle der Unsicherheit, sondern auch eine Quelle des Fortschritts.“

Oder des Rückschritts. In meinem Sinnfeld ist sie es in der Abwehr- und Lamentierhaltung der populistischen Parteien, nicht nur in Deutschland.

Es ist Bewusstsein von Vorgängen im Gesichtsfeld des Betrachters. Und nicht unbedingt meines, sondern das meines Gesprächspartners, und von denen, die zu meinem Sinnfeld beigetragen haben.

„Denn es ist entscheidend, wovon es Bewusstsein ist. (..) Ohne Gespräch mit anderen Menschen können wir nicht einmal sicher sein, wovon wir Bewusstsein haben. Selbst unsere einfachsten Wahrnehmungen stehen unter dem Vorbehalt
dass wir uns über sie täuschen.“

Unsere Sinnfelder haben sich konstituiert, nachdem die Flüchtlinge ins Land geströmt sind.

„Wir verbinden unsere Gedanken immer erst nachträglich und ordnen auf diese Weise unseren jeweiligen Überzeugungshaushalt.“

Man sollte sich also fragen, was uns dazu bewegt, so zu denken und zu urteilen, wie wir das tun, also unser Sinnfeld hinterfragen. Es hat eine Menge mit uns, mit unserer Persönlichkeitsentwicklung, mit unserem (Selbst-)Bewusststein, mit unserer Enkulturation zu tun.

Um das zu erforschen, müssen wir aufeinander zugehen, mit unseren neuen Mitbürgern sprechen, ihre Erlebnisse anhören, sie als Gleiche unter Gleichen behandeln. Erst das Gespräch wird meinungsverändernd wirken, wird zu einem Wechsel des Sinnfelds führen, wird Ängste überstehen.

*

Dieser Text entstand nach der Lektüre des sehr lesenswerten Buches „Warum es die Welt nicht gibt“ von Prof. Markus Gabriel, erschienen 2013 bei Ullstein Buchverlage, Berlin. Die philosophischen Grundlagen und alle Zitate stammen aus diesem Buch. Ich habe seine Philosophie auf die so genannte „Flüchtlingsproblematik“ angewandt. Diese wird in dem Buch nur am Rand angesprochen.
Die Idee zu dem Titel meines Textes kam von der ebenfalls im Buch erwähnten Filmkomödie „Salami Aleikum“  des iranisch-deutschen Regisseurs Ali Samadi Ahadi aus dem Jahre 2009, der aus der ungewohnten Verbindung von „salam = Frieden“ und „Salami“ einen ungewöhnlichen Kontrast hervorruft, so wie aus „Islam“ und „lamentieren“ „is’lamentieren“ entsteht.

 


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